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09. Februar 2012
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"Wir sind also tatsächlich so weit, dass Hochbegabung psychiatrisiert wird"

Ist Peine in der Kinder- und Jugendpsychiatrie unterversorgt? – Fallzahlen steigen, Tagesklinik beantragt

Von Kerstin Loehr

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Es gibt Fragen, die sich nicht einfach mit Ja oder Nein beantworten lassen. Die Frage "Ist der Kreis Peine im Bereich Kinder- und Jugendpsychiatrie unterversorgt?" gehört dazu.

Fakt ist zunächst: Obwohl es immer weniger Kinder in Deutschland gibt, steigen die Behandlungszahlen von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Erkrankungen stetig und erheblich.

Nach Angaben des niedersächsischen Sozialministeriums liegt für Peine bereits ein Antrag für eine Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie vor – einer von sechs in Niedersachsen. Für stationäre Aufenthalte von Kindern und Jugendlichen ist für den Landkreis Peine seit jeher das Landeskrankenhaus in Königslutter zuständig.

Ansgar Piel, Leiter des sozialpsychiatrischen Verbundes, erklärt: "Grundsätzlich ist die Tagesklinik die zeitgemäße Form der Versorgung psychisch Kranker – für Erwachsene gibt es bereits eine in Peine, für Jüngere aber eben nicht." In Braunschweig beispielsweise sei gerade eine neue am Start.

Dabei sei jedoch immer auch der Einsatz der Politik gefordert, sagt Piel und betont: "Anfang des Jahres haben wir den kommunalen Psychiatriebeirat wieder gegründet, als solcher wollen wir in kommunalpolitischen Gremien aktiv werden."

Doch für den Facharzt für Psychiatrie Piel gibt es noch eine Erkenntnis hinter den Zahlen: "Die typischen psychiatrischen Krankheiten, mit denen Menschen früher in den Landeskrankenhäusern behandelt wurden, waren Schizophrenie, Depression und Suchterkrankungen. Was heute dagegen zunimmt und auch als psychische Erkrankung behandelt wird, sind Stress-Reaktionen, insbesondere sensibler Menschen, auf gesellschaftliche Veränderungen."

Nachdenklich stimmt Piel auch der dramatische Zuwachs von Psychopharmaka-Verschreibungen an Kinder und Jugendliche, ohne dass die Langzeitfolgen bisher genau geklärt sind. Einige Jahre lang war die führende Diagnose das ADHS-Syndrom – das Aufmerksamkeitsdefizite und Hyperaktivität erfasst –, in jüngerer Zeit kursiert immer öfter der Begriff Asperger Syndrom – eine leichte Form des Autismus. Aber ein weiterer Begriff tauchte als Diagnose auf, der Piel noch nachdenklicher stimmte: Hochbegabung. "Wir sind also tatsächlich so weit, dass sogar Hochbegabung als Verhaltensauffälligkeit beschrieben und als solche psychiatrisiert wird."

Piel stellt daher kritisch zur Diskussion: "Besteht wirklich immer Behandlungsbedarf beim einzelnen Menschen – oder eher Handlungsbedarf in unserer Leistungsgesellschaft?" Und: "Helfen nicht manchmal Sinn und Perspektive im Leben weit mehr als eine Therapie?"

Sogar im Psychiatrieplan des Landkreises Peine ist dieses Grundproblem bereits formuliert. Dort steht: "Die Erwartungen an den Erfolg psychiatrischer Therapiekonzepte müssen enttäuscht werden, wenn gesellschaftliche Probleme dauerhaft in den Bereich der Medizin ausgelagert werden. Selbst die beste Therapie werde mangelnde Solidarität und Verbundenheit als unersetzliche Bindeglieder zwischen den ,Erkrankten‘ und den ,Gesunden‘ nicht ersetzen können."

Samstag, 17.07.2010
Quelle: http://www.newsclick.de/index.jsp/artid/12629007/menuid/2162
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