Wie eine Tote betrogen werden sollte
Birgit Kückemück und die Einladung zur "Gewinnübergabeshow" an ihre verstorbene Schwiegermutter
WENDEBURG. "Ich hoffe, Sie sitzen, liebe Frau Kükemück, denn Sie sind einer von 30 Rubbellosgewinnern und bekommen einen Preis in Höhe von 250 Euro garantiert ausgehändigt", steht in der "Einladung zur Gewinnübergabe". Schön formuliert, aber mit Schönheitsfehler: Anni Kükemück ist vor vier Jahren verstorben.
Entsprechend verletzt und erbost ist ihre Schwiegertochter Birgit Kücke-mück. "Es war schon der zweite Brief dieser Art. Jetzt will ich wissen, wer dahinter steckt", erklärt die 40-jährige Bortfelderin den PN.
Das wollen wir auch und begleiten sie zur "kurzen Gewinnübergabeshow" in der Zweidorfer Gaststätte Zur Linde. Ein Weg, der sich dem unbekannten Veranstalter zufolge – der Brief gibt keine Adresse preis – in jedem Fall lohnt: "Die Tafel ist reichlich vorbereitet. Jeder VIP-Gast erhält einen prallen Präsentkorb. Für alle Paare werden 2 hochwertige Bademäntel bereit gestellt. Alles kostenlos!".
Merkwürdig: Vor der "Linde" haben sich dennoch nur rund zehn der 30 Rubbellosgewinner eingefunden. Fast alle sind aus Braunschweig angereist. Alle sind Ruheständler. Vielleicht bleibt die Stimmung deshalb erstaunlich gelassen, als der große, fleischige, im weißen Hemd schwitzende Veranstalter bekannt gibt, dass die Show leider ausfallen müsse: "Weniger als 25 und damit nicht genug Teilnehmer. Tut mir furchtbar leid."
Von einer Mindestteilnehmerzahl steht zwar nichts in der Einladung, dafür aber, dass der 250-Euro-Preis "garantiert ausgehändigt" wird. "Leider unmöglich", flötet der schwitzende Endzwanziger und zeigt aufs Kleingedruckte: "Alle Leistungen nur in Verbindung mit der Teilnahme an der Veranstaltung."
Auf den Hinweis, dass die Einladung bewusst irreführe, wird der Große langsam pampig. "Dann müssen Sie genauer lesen." Sein Name? "Tut nichts zur Sache." Die Adresse seiner Firma? Sei auch seine Privatanschrift und die gebe er nicht heraus. "Was wollen Sie denn? Meine Anreise ist viel weiter als Ihre. Jammere ich etwa? Ich gebe Ihnen sogar noch ein Stück Kuchen aus und eine Tasse Kaffee, wenn Sie mögen."
Die übrigen Rubbellosgewinner lassen es sich bereits schmecken. "War klar, dass das Nepp ist", sagt eine Seniorin. Sie hat schon Erfahrungen gesammelt. Beim ersten Mal ging’s per Bus in ein abgelegenes Waldlokal. Da habe sie noch eine Mallorca-Reise gekauft, aber nicht angetreten, als sich rausstellte, dass fast 24 Stunden Bus gefahren werde. "Aber man muss ja nichts kaufen", sagt die Frau. Und die Shows seien "ganz unterhaltsam". Den Abstecher nach Wendeburg verbinde sie ohnehin mit einem Besuch ihrer Kinder. Auch der Rest der Runde lässt sich Verärgerung über die Bauernfängerei zumindest nicht anmerken. Würde man ja auch dumm dastehen.
Und Birgit Kükemück? Hat genug gesehen. "Der ist doch auch ’ne arme Wurst", sagt sie über den Veranstalter. Ihr Zorn ist vorerst verraucht. Doch die nächste Gewinnbenachrichtigung für Anni Kücke-mück, ihre verstorbene Schwiegermutter, kommt bestimmt.













