"Genesis werden mich nie loslassen"
Sänger Ray Wilson kommt zum Kultursommer nach Salder – Im Interview spricht er über seine Zeit bei der Band
SALDER. 1997 stieg Sänger Ray Wilson als Nachfolger von Phil Collins bei Genesis ein. Mit dem Album "Calling all Stations" gingen er, Mike Rutherford und Tony Banks damals auf Tour. Seitdem haben Genesis keine neuen Stücke mehr veröffentlicht. Lediglich eine große Reunion-Tour gab es im Jahr 2007: ohne Ray Wilson, dafür aber mit Phil Collins als Frontmann. Doch auch den gebürtigen Schotten gibt es noch. Der 40-Jährige tritt am 8. Juli beim Kultursommer im Schlosshof von Salder auf. SZ-Redakteurin Alexandra Ritter sprach mit dem früheren Stiltskin-Sänger über seine Zeit bei Genesis und über seine Solo-Karriere.
Warum gehen Sie jetzt mit lauter Genesis-Songs auf Tour, anstatt Ihr eigenes Material zu spielen?
Ich mache beides. Ich gebe ungefähr 100 Konzerte im Jahr. Das eine Material sind Songs von Genesis und Songs, die ich mit Genesis geschrieben habe. Das andere sind Stiltskin-Konzerte, also die meines eigenen Band-Projekts. Die Genesis-Songs spiele ich mit Musikern, die normalerweise klassische Musik spielen. Dadurch mache ich etwas Anderes, etwas Einzigartiges mit diesen großen Genesis-Stücken. Das ist etwas, was die Band selbst nie gemacht hat.
Und weshalb bringen Sie die Lieder nicht im Original, sondern mit dem Berlin Symphony Ensemble klassisch untermalt auf die Bühne?
Weil es das ist, was die Lieder zu einem Original macht. Es hätte mich nicht interessiert, die Songs einfach nur zu kopieren. Es gibt Bands, die das tun und die auch gut sind. Aber ich wollte etwas Neues machen, vor allem auch, weil ich ein Mitglied von Genesis war. Ich bin richtig enthusiastisch, die Songs auf diese Art und Weise zu spielen. Sie sind einzigartig.
Bei Genesis waren Sie nur zwei Jahre, haben ein Album und eine Tour gemacht. Warum war Ihre Zeit dort nicht länger und erfolgreicher? Kann einfach niemand Phil Collins ersetzen?
So blicke ich nicht darauf zurück. Niemand hat den Grad des Erfolgs erwartet, den Genesis mit Phil Collins hatten. Das wäre völlig unrealistisch gewesen. Unser Album "Calling all Stations" war das viertbestverkaufte Genesis-Album aller Zeiten. Insofern sehe ich das nicht als ein Scheitern an, wenn ich ehrlich sein soll. Aber das Problem ist natürlich, dass du immer dieses Stigma hast, jemanden zu ersetzen, der so bekannt ist. Das ist so, als würde man Mick Jagger bei den Rolling Stones oder Bono bei U2 ersetzen. So etwas ist nicht einfach. Was wir gemacht haben, als ich der Sänger war: Wir haben versucht, an den früheren Zeiten der Band anzusetzen. Viele Fans lieben die Musik, die Genesis mit Peter Gabriel gemacht haben. Und so haben wir versucht, den Sound mehr retrospektiv klingen zu lassen und nicht so kommerziell. Ich mag das. Ich habe mich damit sehr wohl gefühlt. Ich bin nicht so sehr ein Popsong-Sänger. Als ich der Sänger war, sollte das kein Wettkampf mit Phil Collins werden. Diese Ambitionen hatte ich nicht. Er hat nunmal weltweit die meisten Fans.
Wie haben Mike Rutherford und Tony Banks Ihnen gesagt, dass sie Sie als Sänger nicht mehr haben wollten?
Das haben sie nicht. So war das nicht. Sie wollten nur erst einmal mit keinem neuen Projekt weitermachen. Es war nicht so, dass sie sagten: Das ist das Ende, geh’ nach Hause. Es war so, dass sie sagten: Wir haben keine Pläne, neue Musikstücke zu schreiben, und das haben sie seitdem auch in der Tat nicht gemacht. Es gab überhaupt nichts Neues. Nur eine Tour, bei der sie Songs gespielt haben, die sie in den 90ern aufgenommen haben. Wenn Sie es so sehen wollen: Es gab kein offizielles Ende für mich. Die Arbeit wurde einfach nur nicht fortgesetzt.
Ich habe allerdings gehört, dass der aktuelle Genesis-Sänger wieder Phil Collins sein soll …
Es gab da diese Greatest-Hits-Tour. Aber wie gesagt, neue Musik haben sie nicht gemacht. Ich bin nicht sicher, aber es schien mir, dass sie, als sie für die Tour wieder zusammenkamen, noch einmal in diesen großen Erfolg von einst hineinspringen wollten. Das ist das, was mich unterscheidet, ich bin nicht am Alten, sondern immer an etwas Neuem, an einem kreativen Prozess interessiert. Das inspiriert mich. Und das hat mich auch inspiriert, als ich bei ihnen war. Ich habe es geliebt, als Musiker an dem "Calling all Stations"-Album zu wachsen. Ich mochte diese Zeit wirklich. Und ich will heute einige dieser Songs am Leben erhalten, indem ich sie auf die Art spiele, die mir gefällt. Die klassischen Elemente einzufügen ist für mich einzigartig und inspirierend, denn Genesis haben das nie getan. Deswegen ist das ein aufregendes Projekt für mich.
Ich habe gehört, dass Genesis sich mit Ihnen – oder umgekehrt – anschließend gestritten haben, und Sie deshalb nicht bei ihnen als Vorprogramm der "Turn it on again"-Tour im Jahr 2007 spielen durften. Was war der Grund?
Es gab keinen Streit. Ich habe nur gefragt: Wärt ihr daran interessiert, dass ich bei euch im Vorprogramm spiele? Ich wollte ein akustisches Vorprogramm spielen, zum Beispiel einige Songs vom "Calling all Stations"-Album, denn ich wusste, Phil würde diese Songs nicht singen. Aber sie hatten sich entschieden, die "Greatest Hits" zu machen, also dasselbe, was sie zuvor gemacht hatten. Manchmal denke ich, es wäre auch für die Fans besser gewesen, etwas Interessanteres zu präsentieren, zum Beispiel ein paar neue Songs.
Wenn Sie heute zurückdenken: War es sehr wichtig für Ihre eigene Karriere, ein Teil von Genesis zu sein?
Natürlich. Es hat meine Karriere in eine ganz andere Richtung gelenkt. Vor Genesis war ich bei Stiltskin, das war Grunge-Musik. Und ich hatte gerade ein anderes Album geschrieben, als ich bei Genesis einstieg. Das habe ich dann nach Genesis veröffentlicht. Es ist schwer zu sagen, aber die Genesis-Zeit ist eine dieser Sachen, die dich, wenn du einmal drin gesteckt hast, nie wieder loslassen. Ich habe die Zeit wirklich genossen, und mein Publikum mag auch einige dieser Songs. Erst wenn die Fans aufhören, zu meinen Konzerten zu kommen, werde ich darüber nachdenken müssen, etwas anders zu machen. Aber zurzeit kommen die Fans und genießen meine Musik. Nur das kann ich als meinen musikalischen Wegweiser benutzen.
Wie sehen Ihre weiteren Pläne für Ihre Solo-Karriere aus?
Das "Propaganda Man"-Album kommt am 22. Mai raus. Und ich werde viele Akustik-Konzerte geben. Im Sommer werde ich Festivals in Europa spielen, und es gibt Genesis-Classical-Shows im Juli und August. Das überschneidet sich alles. So ist das, das kann passieren …
Termin:
Ray Wilson spielt am Mittwoch, 8. Juli, von 20 Uhr an beim Kultursommer im Schloss Salder alte Genesis-Hits in neuem, klassischen Gewand. Begleitet wird er vom Berlin Symphony Ensemble. Karten gibt es für 19 und 24 Euro an allen bekannten Vorverkaufsstellen sowie den Service-Centern unserer Zeitung.













