Kleinkind applaudiert seinen Rettern
55 Helfer graben zum Teil mit den Händen Rettungsschacht – Einjähriger in 2,50 Metern Tiefe eingeklemmt
Marlon* (1) weint und weint und weint. Normalerweise würde einem das Schreien bald auf die Nerven gehen. Doch die Menschen über ihm beruhigt es. Sein Weinen zeigt: Marlon lebt.
Er ist gefangen in einem 2,50 Meter tiefen Erdschacht. Es ist dunkel und kalt, Marlon ist ganz allein da unten und fürchtet sich, er hat Durst vom Schreien. Niemand kann ihm sein Fläschchen geben – es ist zu eng. Nur ein weißer Schlauch baumelt über seinem Kopf, daraus strömt Sauerstoff.
Marlon kann den Kopf nicht nach oben drehen. Sonst sähe er, wie sich seine Eltern und sein Großvater über das Loch beugen. Er kann sie nur hören. Sie rufen ihm zu, dass bald Hilfe kommt, dass er noch ein bisschen aushalten muss, dass er keine Angst zu haben braucht. Bei ihnen ist der Notfallseelsorger.
Und der Junge lernt die Stimme von Torsten Jago kennen. Der fremde Mann redet ihm gut zu, während er auf dem Bauch liegt, den Sauerstoffschlauch in den Schacht hält und immer wieder hinunter blickt. Fast zwei Stunden lang.
Jago, stellvertretender Ortsbrandmeister in Ringelheim, ist einer von 55 Helfern, die am Samstag versuchen, das Kind, das in einem Monat zwei Jahre alt wird, zu retten.
Um 12.37 Uhr haben Marlons Eltern die Feuerwehr alarmiert. Im Garten hinter ihrem Haus an der Haverlahstraße hatten sie einen Schacht für einen Brunnen gebohrt: 2,50 Meter tief, gerade mal 25 Zentimeter Durchmesser. Unwahrscheinlich, dass jemand da hineinfällt.
Marlon, dessen Kopf einen Durchmesser von 22 Zentimetern hat, passiert das Unwahrscheinliche, als er über die Wiese läuft. Er fällt bis auf den Grund, die Füße voran, seine Arme sind eingeklemmt.
"Die Eltern haben genau das Richtige getan, als sie sofort uns gerufen haben, statt selbst zu graben", sagt Arne Sicks, Leiter der Berufsfeuerwehr Salzgitter. Sieben Minuten später, um 12.45 Uhr, ist die Freiwillige Feuerwehr Ringelheim vor Ort. Es folgen die Berufswehren Leben-stedt und Salzgitter-Bad mit Rettungswagen und Notarzt sowie die Fachgruppe Bergung des Technischen Hilfswerks (THW) Salzgitter. Die Retter bringen schweres Gerät mit. Einen Minibagger, eine Röhre, die ins Brunnenloch geschoben werden kann.
Doch stattdessen setzen sie Spaten ein, später Spielzeugschaufeln und am Schluss die bloßen Hände. Parallel zum Bohrloch heben die Männer einen Schacht aus. Ganz vorsichtig, um Marlon nicht durch Lärm und Erschütterungen noch mehr zu verängstigen oder ihn gar zu verschütten. Es sind 28 Grad, es gibt keinen Schatten. Der Lehmboden ist hart. Sie wechseln sich alle drei, vier Minuten ab.
Dreimal schläft Marlon kurz ein. Sicks sagt: "Das war schlimm, als er nicht geweint hat." Notärztin Dr. Somaya Youssef beobachtet seine Reaktionen und sagt, dass die Männer so weiter machen können.
In 2,20 Metern Tiefe, entscheidet Einsatzleiter Martin Kröhl, wird der Querstich begonnen: "Da muss der Kopf sein." Vorsichtig arbeiten sich die Einsatzkräfte vor.
Ein Feuerwehrmann verschwindet mit dem Oberkörper im waagerechten Schachtstück. Er spricht aufmunternd mit Marlon: "Komm, wir krabbeln zusammen raus." Die Menschen stehen oben am Rand des Erdkraters wie gebannt. Der Mann kommt wieder zum Vorschein – in den Händen das Kind.
Marlon weint. "Opa", ruft er und klatscht unten in der Grube mit, als die Retter ringsherum applaudieren. Um 14.29 Uhr nimmt Marlons Mutter den Jungen in ihre Arme. Er ist erschöpft, aber laut erster Diagnose der Notärztin unverletzt. Zu einer gründlichen Untersuchung wird der Einjährige ins Klinikum gebracht.
Feuerwehrchef Sicks sagt am Abend: "Bei der Hitze und Anspannung war es nicht leicht, was die Kollegen geleistet haben." Nowak vom THW hat geduscht und die Anstrengung schon fast vergessen: "Es ist immer ein schöner Einsatz, wenn alles gut ausgeht. Keiner hat gestöhnt, dass er lieber im Freibad wäre. Alle haben auf der Straße gewartet, ob sie gebraucht werden."
* Name geändert













