"Bitte klicken Sie hier" Und dann?
Ein blindes Ehepaar erklärt, welche Barrieren im Netz lauern, und ob die Stadt-Webseite ohne Fallen auskommt
WATENSTEDT. "Am Wochenende machen wir manchmal computerfrei. Man will auch mal was anderes sehen", sagt Dietmar Stephan. Das ist bemerkenswert, denn der 54-Jährige ist blind. Wenn nicht computerfrei ist, ist er viel im Netz unterwegs. Über digitale Stolperfallen ärgert er sich dabei.
Dass Stephan wie selbstverständlich vom Sehen spricht, ist nicht ironisch gemeint. "Ich bin erst mit 24 erblindet. Mein Denken und meine Sprachbilder sind die eines Sehenden", erklärt der Ingenieur aus Lengede, der in der technischen Kundenberatung der Salzgitter-Flachstahl beschäftigt ist. Genau wie zuhause, arbeitet er dort viel am PC. Eine Braille-Zeile unter der normalen Tastatur hilft ihm dabei.
Internet zum Fühlen
Mit den Fingern der linken Hand tastet Stephan dieses spezielle Gerät ab, das die Wörter auf dem Bildschirm als fühlbare Punktschrift darstellt. "Gesteuert wird die Braille-Zeile von einem Programm, das den Bildschirminhalt Zeile für Zeile ausliest", erklärt der 54-Jährige. Dieser Screenreader, der die Informationen zusätzlich mit künstlicher Roboterstimme vorliest, könne nur dann gut arbeiten, wenn Webseiten einfach und gut strukturiert aufgebaut seien.
"Wir können uns ein Leben ohne Internet kaum noch vorstellen", sagt Stephans Ehefrau Edeltraud. Auch sie ist fast blind, hat aber einen kleinen Sehrest und nutzt beim Arbeiten außer einer Braille-Zeile einen Monitor mit extremer Vergrößerung.
Nachrichten lesen, über E-Mails mit Freunden in Kontakt bleiben, die Abfahrtszeit des Zuges nachgucken all das sei durch das Internet auch für Blinde viel einfacher geworden. Umso ärgerlicher, wenn die Technik, die ein großes Stück Unabhängigkeit bedeutet, mit neuen Barrieren aufwartet: "Für mich ist es blöd, wenn Schriften nicht kontrastreich genug sind im Vergleich zum Hintergrund", sagt Edeltraud Stephan. Weiße Schrift auf grauem Grund das funktioniert nicht.
"Viele Seiten sind einfach überladen", sagt Edeltraud Stephan. Auch der Internetauftritt unserer Zeitung müsse sich diese Kritik gefallen lassen. "Zwischen den Texten stehen bei Newsclick Werbebilder, die der Screenreader nicht lesen kann. Manchmal öffnet sich auch plötzlich ein Fenster mit Werbung." Lob erntet hingegen die abgespeckte Newsclick-Version, die speziell für Mobiltelefone programmiert wurde (mobil.newsclick.de): "Die nutzen wir fast täglich, denn sie liefert keinen Ballast", sagt Dietmar Stephan. Und seine Frau ergänzt: "Für Blinde ist im Netz weniger einfach mehr."
Dieses Prinzip ist offenbar noch nicht überall angekommen. Dietmar Stephan steuert die schick aufgemachte Webseite eines großen Versandhauses an. Mit der Tabulator-Taste springt er von Menüpunkt zu Menüpunkt.
"Büro und PC, Mode für Sie", liest die Computerstimme scheppernd vor. "Mode XXL, Image327A, Wohnen." Moment, was ist da passiert?
Verwirrende Verweise
"Links müssen konsequent mit einem sinnvollen Beschreibungstext versehen sein. Das ist hier nicht der Fall", erklärt Stephan. Ein Fehler, der oft vorkomme, etwa auch wenn Schaltflächen mit einem Bild ausgestattet seien. "Den Einkaufswagen auf dem Link zum Warenkorb kann ich nicht sehen. Wenn darunter steht Hier klicken!, weiß ich nicht, was dann passiert. Bei solchen Webseiten kaufen wir nicht mehr ein."
Damit die Informationen auf öffentlichen Seiten für alle Bürger und ohne Rätselraten zugänglich ist, gilt seit 2008 auch in Niedersachsen ein Behinderten-Gleichstellungsgesetz. Es fordert unter anderem die Barrierefreiheit im Netz. In Salzgitter habe man bereits 2006 auf eine blindenfreundliche Neugestaltung der Stadtseite geachtet, sagt Ralf Schimon, IT-Experte bei der Stadt.
Den Praxistest besteht www.salzgitter.de dann auch mit leichten Abzügen: "Die Links sind gut beschriftet, die Seite bietet viel Text und wenig Grafik. Man kommt an die meisten Informationen heran", fasst Dietmar Stephan zusammen. Ein Manko: Zum Teil wird die E-Mail-Adresse der Stadtverwaltung als Bild präsentiert und kann nicht automatisch ausgelesen werden.
Genau darum gehe es in diesem Fall, erläutert Schimon. Die Adresse solle nicht von Programmen ausgespäht und mit Schrottmail zugeschüttet werden. "Für solche Hinweise sind wir aber dankbar. Die Technik entwickelt sich ständig weiter und genauso die Anforderungen an eine barrierefreie Seite."













