"Wir geben jedem Keim einen Namen"
Helmut Jablonowski, Hygienebeauftragter des Klinikums, spricht über die gezielte Bekämpfung von Bakterien
Die Diskussion um Schlamperei und mangelnde Hygiene in deutschen Krankenhäusern wird seit dem Tod dreier Babys an der Uniklinik in Mainz verschärft geführt. Über die Hygiene-Maßnahmen am Klinikum Salzgitter und den hiesigen Umgang mit Antibiotika und resistenten Krankenhauskeimen sprach Torsten Fiebig mit Dr. Helmut Jablonowski, Ärztlicher Direktor und Hygienebeauftragter des Klinikums.
Herr Jablonowski, wir haben uns zur Begrüßung die Hand gegeben. Ist dieser Brauch problematisch?
Die Sache mit dem Händeschütteln sollte man sich überlegen. Neun von zehn Infektionen im Krankenhaus werden über die Hände übertragen. Manche Patienten werten es als unfreundlich, wenn man sie nicht auf diese Weise begrüßt. Aus hygienischer Sicht würde ich es aber befürworten, sich nicht die Hände zu schütteln. In unserem Krankenhaus haben wir uns auch sehr früh an der Aktion "Saubere Hände" beteiligt.
Was gehört zu dieser Aktion?
Dazu gehört vor allem die stetige Erinnerung ans Händewaschen. Die Mitarbeiter müssen sich häufig und richtig die Hände waschen. Außerdem gibt es bei uns in jedem Zimmer mindestens einen Behälter mit Desinfektionsmittel. Und wir haben stets Kittelflaschen mit Desinfektionsmittel in der Tasche dabei. Für mich gehört zur Handhygiene auch dazu, dass ich keine Armbanduhr und keinen Ehering bei der Arbeit trage. Das mag übertrieben sein, aber ich habe da als Chef eine Vorbildfunktion.
Sie sind Hygienebeauftragter des Klinikums. Wie reagieren Sie, wenn Sie Nachlässigkeiten beobachten?
Ich bin dafür bekannt, dass ich in solchen Fällen manchmal zu sauer reagiere. Aber das ist auch meine Aufgabe. Immerhin trägt jeder Einzelne im Krankenhaus Verantwortung für die Hygiene. Wenn Fehler gemacht und nicht angesprochen werden, werde ich unruhig, denn solche Fehler können für Patienten durchaus bedrohlich werden.
Gibt es am Klinikum einen speziellen Facharzt für Hygiene?
Nein, es gibt die Empfehlung, dass Krankenhäuser mit mehr als 800 Betten einen solchen Facharzt haben sollten. Wir haben 385 Betten. Es gibt bei uns eine Hygienefachkraft, die sich den ganzen Tag um dieses Thema kümmert. Und es gibt meine Position als Hygienebeauftragter. Ich habe zahlreiche Fortbildungen über Hygiene besucht. Außerdem tagt unsere Hygienekommission drei bis vier Mal im Jahr. In diesem Gremium sind alle Fachabteilungen vertreten sowie eine Hygienefachärztin der Medizinischen Hochschule Hannover.
Ein Begriff, der in der aktuellen Diskussion immer wieder fällt, ist MRSA? Was verbirgt sich dahinter?
Diese Abkürzung steht für methicillin-resistenter Staphylococcus aureus. Damit werden bestimmte Stämme dieses Bakteriums bezeichnet, die gegen zahlreiche Antibiotika unempfindlich sind. Ein Mensch kann davon besiedelt sein, ohne krank zu werden. Ein Problem wird MRSA für Menschen, die in ihrer Abwehr geschwächt sind. Dann kann es zu Infektionen zum Beispiel in Wunden, in der Lunge oder im Harnwegssystem kommen.
In der jüngsten Fernsehsendung von Anne Will hat ein Hygiene-Spezialist Patienten geraten, vor einer OP im Krankenhaus zu fragen, ob es ein Programm zur Bekämpfung von MRSA gibt. Wie sieht es in Salzgitter damit aus?
Es gibt bei uns ein Programm gegen MRSA, das wir mit dem Niedersächsischen Landesgesundheitsamt machen. Außerdem beteiligen wir uns am Aufbau eines Klinik-Netzwerks in unserer Region, das sich mit MRSA beschäftigt. Es kommt bei solchen Programmen darauf an, dafür zu sorgen, dass Patienten diesen Keim im Krankenhaus nicht neu erwerben weder als Besiedlung noch als Infektion.
Die Niederlande gelten in der Bekämpfung von MRSA als vorbildlich. Dort werden alle Patienten zunächst in Quarantäne isoliert und auf diese Bakterien untersucht. Wie ist das Vorgehen in Salzgitter?
Vorweg: Aus hygienischer Sicht ist die niederländische Praxis sehr sinnvoll. Das ist aber mit hohem Kostenaufwand verbunden. In vielen Ländern Südeuropas kümmert sich dagegen keiner mehr um MRSA. Dort gibt es bis zu sieben Mal mehr resistente Keime als bei uns. Da könnten sie höchstens denjenigen isolieren, der kein MRSA hat. Am Klinikum Salzgitter nehmen wir von bestimmten Patienten einen Abstrich, die zu einer MRSA-Risikogruppe gehören. Das sind zum Beispiel Patienten mit chronischen Wunden, Menschen, die im Altenheim mit Antibiotika behandelt werden, Dialysepatienten und allgemein in ihrer Abwehr geschwächte Menschen.
Was passiert mit diesen Patienten?
Sie werden speziell auf MRSA untersucht und, soweit Platz ist, isoliert. Etwa 50 Prozent der Patienten kann man von den Keimen befreien. Die MRSA sind ja nicht gegen alle Antibiotika resistent. Außerdem wird ein positives Testergebnis in der elektronischen Krankenakte vermerkt, damit wir bei einer erneuten Aufnahme sofort Bescheid wissen.
Wie viele MRSA-Fälle gab es im vergangenen Jahr in Salzgitter?
Etwa 100 Patienten wurden positiv getestet. Bei 20 der Fälle muss man laut Definition davon ausgehen, dass der Keim hier im Krankenhaus erworben wurde. Wobei ein Fall, der erst 48 Stunden nach der Aufnahme diagnostiziert wird, automatisch als im Krankenhaus erworben gilt.
Die Schätzungen über Todesfälle durch Krankenhaus-Infektionen in Deutschland schwanken zwischen 1500 und 40 000 pro Jahr.
Die Zahl 1500 halte ich für zu niedrig. Nur muss man dabei beachten, dass nicht jede Krankenhaus-Infektion vom Krankenhaus verschuldet ist. Wenn etwa ein Patient eine Knochenmarktransplantation bekommt, muss vorher sein Immunsystem ausgeschaltet werden. Wenn er dann eine Infektion bekommt, ist das eine Krankenhaus-Infektion, an der er sterben kann. Aber die Transplantation ist in dieser Situation eben der einzige Weg zur Heilung. Experten sagen: Etwa ein Drittel aller Krankenhaus-Infektionen ist durch strenge Hygiene vermeidbar. An den anderen zwei Dritteln können Sie nichts machen.
Gab es in den letzten Jahren in Salzgitter Todesfälle durch MRSA?
Mir ist kein Fall bekannt.
Die Ausbreitung von resistenten Bakterien wird mit übermäßigem Einsatz von Antibiotika in Verbindung gebracht. Was tun Sie, um Antibiotika gezielt einzusetzen?
Bei uns gilt das Prinzip, jedem Keim einen Namen zu geben. Wir haben dafür im Haus ein mikrobiologisches Labor mit modernster Technik. Das ermöglicht die schnelle Bestimmung eines Bakteriums. Trotzdem ist es zum Beispiel bei einer lebensbedrohlichen Lungenentzündung nötig, sofort einen Cocktail an Antibiotika zu geben. Wenn dann das genaue Ergebnis aus der Mikrobiologie vorliegt, können wir gezielter vorgehen.
Der Tod der drei Säuglinge in Mainz hat einmal mehr klar gemacht, wie schwerwiegend Fehler im Krankenhaus sein können. Wie gehen Sie am Klinikum Salzgitter mit Fehlern um?
Es gibt bei uns seit Mitte des Jahres sehr scharfe Konferenzen, bei denen die Krankheitsverläufe aller hier verstorbenen Patienten im Ärztekollegium kritisch besprochen werden. Die finden mindestens einmal im Vierteljahr statt. Wir lernen dadurch an jedem Fall und können uns verbessern. Außerdem gibt es Konferenzen, bei denen Komplikationen erörtert werden, auch wenn sie nicht lebensbedrohlich wurden.
Wird offen darüber gesprochen, wenn ein tödlicher Fehler passiert?
Es ist oft nicht möglich, ohne Zweifel zu sagen, dass ein Fehler allein zum Tod geführt hat. Aber wenn in seltenen Fällen doch eindeutig klar ist, dass ein Fehler den Tod eines Patienten verursacht hat, dann wird das auch so deutlich gesagt.













