"Sind wir nur da, um Schnitzel zu essen?"
Gustl Müller-Dechent: Ein Reporter auf der Suche nach dem Sinn des Lebens "Die Begum war am charmantesten"
RINGELHEIM. "Brigitte Mira hat mal mit mir gerätselt: ,War es das? War das das Leben?" Jetzt ist Brigitte Mira tot, und Gustl Müller-Dechent, mittlerweile fast 90, ist immer noch auf der Suche nach dem Sinn des Lebens? "Warum sind wir da?", fragt er nachdenklich. "Nur, damit wir ein Schnitzel essen?"
Gustl Müller-Dechent aus Ringelheim hat Zeit seines Lebens nach Antworten gesucht: Er ist Journalist. Nach seinem Volontariat bei der München-Augsburger Abendzeitung in München bereiste er mit 18 halb Europa Spanien, Frankreich, Türkei, Rumänien. Von Bukarest aus schrieb er auf seiner Reiseschreibmaschine Berichte und Geschichten für deutsche Illustrierte.
In der NS-Zeit kommt Müller-Dechent zurück nach München. "Da bin ich in den Widerstand gegangen", sagt er. Er ist Vorsitzender der Sozialistischen Arbeiterjugend München-Süd. "Das war noch eine echte SPD", sagt Müller-Dechent. Seine Hand mit dem schwarzen Siegelring huscht über die Tischdecke. "Schröder fabuliert nur."
Den Krieg überlebt Müller-Dechent mit Mühe und Not. Sein Körper ist krank, aber sein Kopf klar. "Ich habe danebengeschossen", sagt er. "Ich erschieße doch keinen Menschen. Das hätten alle so machen sollen." In der Münchner Wiedenmayerstraße trifft sich der ehemalige Widerstand und berät, wie es nach dem Krieg weitergehen soll. Mit dabei ist auch Erich Kästner, der für die Neue Zeitung schreibt.
Müller-Dechent macht, was er am besten kann: Er stellt Fragen. So erlebt er die Geburt der besten deutschen Tageszeitung mit. "Ich war der erste Reporter der Süddeutschen Zeitung", sagt er. Sein Dienstfahrzeug ist ein Fahrrad mit Spiralfedern als Reifenersatz. "Damit bin ich durch die Trümmerstraßen gefahren." Bis hin zum 30 Kilometer entfernten Kloster Schäftlarn, wo Müller-Dechent die Nonnen interviewte. Heraus kam dabei oft nur eine Meldung, denn das Papier war knapp. "Die SZ hatte damals nur zwei Seiten aber die Leute haben uns die Zeitung aus der Hand gerissen."
1946 schicken die Amerikaner Müller-Dechent nach Würzburg zur Main-Post. Dort hat der Lokalredakteur eine geniale Idee: Müller-Dechent erfindet die "Marktbärbl". Damals zensieren die amerikanischen Besatzer die deutschen Zeitungen, aber in der Kolumne "Marktbärbl" darf Müller-Dechent zaghaft Kritik üben. Schon bald erscheint die "Marktbärbl" als erstes Buch nach dem Krieg in Würzburg, es gibt ein "Marktbärbl"-Café und die "Marktbärbl"-Torte.
"Dann bin ich abgeworben worden", sagt Müller-Dechent. Erst nach Aschaffenburg, später zur Frankfurter Rundschau. Dort ist er Ressortleiter, bis er in den Ruhestand geht.
Müller-Dechent trifft sie alle: Kurt Schumacher und Erich Ollenhauer, Dwight D. Eisenhower und John F. Kennedy, Curd Jürgens und Frank Elstner. "Am meisten haben mich Brandt und Kennedy beeindruckt, aber am charmantesten war die Begum", sagt er. Die Witwe Aga Khans traf er in Assuan. "Jeden Tag ging sie mit einer roten Rose zum Mausoleum ihres Mannes." Später habe sie Müller-Dechent in ihr Kairoer Luxushotel eingeladen. "Ich war damals jung und attraktiv", sagt er, "aber ich war ja verheiratet."
Heute schreibt Gustl Müller-Dechent Bücher wie "Freude und Kraft zum Leben" (weitere Informationen unter www.mueller-dechent.de). Worum es darin geht? Um den Sinn des Lebens natürlich.













