"Unheimlich schwerer Schlag"
Alle Parteien sprechen Schmidt Anerkennung aus Eppers: Gabriels Nominierung dient nur dessen Karriere
SALZGITTER. Als Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion saß Wilhelm Schmidt (61) direkt an den Schalthebeln der Macht. Trotzdem hat er die Bodenhaftung nicht verloren, das bestätigen all seine Weggefährten. Schmidts Rückzug aus der Politik wurde in Salzgitter mit Betroffenheit aufgenommen.
Am Sonntagabend hatte er in seinem Haus in Thiede die SPD-Vorsitzenden seines Wahlkreises aus Salzgitter, Wolfenbüttel und Goslar über seine Entscheidung informiert und ihnen als Nachfolger den früheren Ministerpräsidenten und jetzigen Oppositionsführer im Landtag, Sigmar Gabriel empfohlen. Das berichtete gestern Salzgitters SPD-Unterbezirksvorsitzender Michael Loos der SZ: "Für Wilhelm Schmidt freue ich mich, dass er mehr Zeit für sich und seine Familie hat. Für Salzgitter aber ist das ein unheimlich schwerer Schlag. Er ist so beliebt hier, hat in Spitzenzeiten 700 Termine jährlich in seinem Wahlkreis absolviert. Dabei war er in Berlin in höchsten Regierungskreisen, er ist nicht zu ersetzen." Zu Schmidts Vorschlag, Sigmar Gabriel als Bundestagskandidaten aufzustellen, meinte Loos: "Wir würden in unseren eigenen Reihen nie jemanden mit so viel Profil finden. Wir können uns glücklich schätzen, so einen Politiker zu bekommen, er hat für Salzgitter viel bewegt und kennt sich hier gut aus."
Schmidts Mentor in Salzgitter war der langjährige Ortsbürgermeister der Ortschaft Ost und SPD-Ehrenratsherr Ernst Weidl aus Thiede: "Ihn zeichnet seine schnelle Auffassungsgabe aus und dass er seine Ziele mit starkem Einsatz verfolgt." Der gebürtige Wolfenbütteler Schmidt habe Thiede mit seinem Kampf gegen ein geplantes riesiges Wasserreservoir am Lindenberg im Sturm erobert. "Wir wussten, was wir an ihm hatten", so Weidl.
Seit Mitte der siebziger Jahre hat der frühere SPD-Chef in Salzgitter und jetzige Ratsfraktionschef Wolfgang Schneider mit Schmidt zusammen gearbeitet: "Er hat sehr sachlich politische Arbeit im Land- und Bundestag geleistet, mit großem Wissen, Durchsetzungsvermögen und der Gabe, Vertrauensverhältnisse zu schaffen." Seine ständige Präsenz vor Ort, in der Partei und auch Vereinen und Organisationen bezeichnete Schneider angesichts der Führungsposition in Berlin als "schon fast übermenschlich". Es passe zu Schmidt, dass er nicht einfach nach dem Motto "Nach mir die Sintflut" gehe, sondern sich um einen guten Nachfolger bemühe, sagte Schneider: "Gabriel traue ich eine Menge zu. Wir werden mit ihm aktiv in den Wahlkampf einsteigen und können gewinnen."
Daniel G. Hiemer, SPD-Ortsvereinsvorsitzender in Thiede, bedauerte Schmidts Entscheidung: "Ich respektiere sie allerdings, zumal Schmidt ja weiter aktiv bleibt, zum Beispiel in der Bürgerstiftung Salzgitter." Daniel hob besonders den Kampf des scheidenden Bundestagsabgeordneten gegen das Atomendlager Schacht Konrad hervor.
Oberbürgermeister Helmut Knebel (SPD) nannte Schmidt sein "großes Vorbild, was Fleiß und Präsenz bei den Bürgern betrifft". Er habe viel für die Stadt getan, zum Schluss aber auch stark gelitten. Gabriel bezeichnete er als "politisches Pfund. Wenn wir ihn als Wahlkreisvertreter haben, habe ich keine Bange."
Auch der CDU-Kreisvorsitzende Hermann Eppers, übrigens ein Neffe Schmidts, sprach dem langjährigen politischen Gegner Respekt und Anerkennung aus: "Er hat sehr fleißig und engagiert für den Wahlkreis gearbeitet." Unverständlich sei die geplante Nominierung des Goslaraners Gabriels: "Das ist ein Import, der nur das persönliche Karrierebedürfnis eines Einzelnen befriedigt. Gabriel ist im Landtag am Ende und soll nun neu für den Bundestag aufgebaut werden." Als Freund Salzgitters sei Gabriel nicht bekannt, so Eppers: "Er war als Ministerpräsident strikt dagegen, dass Salzgitter Oberzentrum wird, er wollte es sogar herabstufen." Eppers rechnet dem CDU-Kandidaten Jochen-Konrad Fromme "gute Chancen aus, den Wahlkreis erstmals direkt zu gewinnen".
FDP-Ratsfraktionschef Dr. Hans H. Andresen würdigte die Verdienste Schmidts: "Ich kann gut verstehen, wenn er nun sagt, er habe genug getan fürs Vaterland." Gabriel werde es schwer haben.













