"Solange wir einen Stift halten können"
Salzgitter-Gruppe von Amnesty-International feiert in diesem Jahr 30-jähriges Bestehen
LEBENSTEDT. Sie sind längst eine Familie geworden. Amnesty International (AI) das ist in Salzgitter ein Dutzend Frauen und Männer, die sich für die Menschenrechte in aller Welt einsetzen. Einige von ihnen waren schon bei der Gründung vor 30 Jahren dabei.
Niemand kannte Amnesty damals, an ihren Tapeziertisch-Infoständen wurden die Menschenrechtler als Linksradikale beschimpft, erinnert sich Gründungsmitglied Horst Christlieb (67). Gemeinsam mit seiner Frau Christa (62), heute Sprecherin der AI-Gruppe, Renate Benstem (61) und Kassiererin Marianne Depuhl (51) sitzt Salzgitters AI-Familie am Kaffee-Tisch. Es gibt übernatürlich guten Preiselbeerkuchen, Kaffee und Roiboos-Tee. Man schwelgt in Erinnerungen.
Amnesty hatte damals daran zu knabbern, dass sich die Organisation auch für humane Haftbedingungen für die Terroristen der Rote Armee Fraktion einsetzte. Terrorismus bleibt ein heikles Thema, aber das schwierigste ist die Todesstrafe. "Machen Sie mal eine Umfrage in der Bevölkerung, wenn gerade mal wieder ein Kind umgebracht wurde", sagt Marianne Depuhl. "Dass eine Mutter oder ein Vater den Mörder dann am liebsten umbringen würden, das verstehen wir auch."
Aber Amnesty ist in jedem Fall gegen die Todesstrafe. "Ein Staat", sagt Christa Christlieb nachdrücklich, "kann sich nicht mit einem Mörder auf dieselbe Stufe stellen." Früher seien mehr Menschen für den gnadenlosen Staat gewesen als heute. Da haben, berichtet Christa Christlieb, Damen und Herren aus der älteren Generation mit ihrem Spazierstock auf die Puppen gedroschen, mit denen Amnesty auf Folter und Todesstrafe aufmerksam machen wollte. ",Für diesen Arsch setzt ihr euch ein?, haben die gerufen", sagt Christa Christlieb. ",Ihr müsst mit in den Sack."
Peter Bick, der Pastor der St.-Lukas-Gemeinde in Lebenstedt, hat AI in Salzgitter 1978 gegründet. Damals bekam jede Gruppe einen politischen Gefangenen im Ausland zugeteilt, um den sie sich kümmerte. Die Menschenrechtler aus Deutschland schrieben Briefe an Behörden und ins Gefängnis, setzten sich für die Freilassung oder zumindest für humane Haftbedingungen ein.
Das war durchaus auch frustrierend. Der erste Gefangene, für den sich die Salzgitteraner engagierten, war ein verschwundener Argentinier. Nach mehreren Jahren der Nachforschungen und der Hoffnung musste Amnesty aber aufgeben. "Er war wohl doch umgebracht worden", vermutet Horst Christlieb heute. Später kümmerten sich die Menschenrechtler rund um die Familie Christlieb um Gefangene in Vietnam, Kolumbien oder Malawi.
Besonders spektakulär: Amnesty erreichte 1991 die Freilassung des malawischen Arztes George Mtafu. Der Neurochirurg hatte mit seiner Familie von 1979 an für mehrere Jahre in Lebenstedt gelebt, war dann nach Afrika zurückgekehrt und ist dort Ende der 1980er-Jahre ohne Anklage und Gerichtsverfahren in Isolationshaft gesteckt worden. Viele Salzgitteraner, sogar ganze Schulklassen, setzten sich durch Briefe und Unterschriftensammlungen für Mtafu ein und hatten schließlich Erfolg. "Mtafu wurde freigelassen und bekam sogar zwei Ministerämter", berichtet Christa Christlieb.
Heute sieht die Amnesty-Arbeit anders aus. "Jetzt geht es nicht mehr nur um einzelne Gefangene, sondern darum, die Gesellschaft zu ändern", sagt Marianne Depuhl. Wenn es irgendwo auf der Welt Menschenrechtsverletzungen gibt, dann bombardiert Amnesty die Regierungen mit Briefen und E-Mails. "Wir haben etwa 120 Briefeschreiber, 80 versenden E-Mails", sagt Christa Christlieb. Bringt das was? "Vielleicht sagt der Botschafter ,Na und?!, aber wenn die innerhalb einer Woche einen Korb voll Post kriegen, dann wissen die schon, worum es geht."
Rund ein Dutzend Mitglieder hat die Amnesty-Gruppe in Salzgitter heute noch. "Solange wir einen Stift halten können", sagt Christa Christlieb, "machen wir weiter."













