Verständnis, Respekt und Bedauern
Reaktionen auf die Rückzugserklärung von Wilhelm Schmidt Noch eine Stelle im Wolfenbütteler Rathaus
WOLFENBÜTTEL. Die Spekulationen haben sich bestätigt. Wilhelm Schmidt (61), Erster Parlamentarischer Geschäftsführer und Kirchenbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion, beendet seine politische Arbeit und tritt zur nächsten Bundestagswahl nicht mehr an. Als seinen Nachfolger im Wahlkreis Salzgitter-Wolfenbüttel favorisiert er den früheren Ministerpräsidenten Niedersachsens und derzeitigen Oppositionsführer in Hannover, Sigmar Gabriel (45; Goslar).
"Mehr Zeit für Familie"
Der Rückzug aus dem politischen Tagesgeschäft bedeutet für Schmidt, der mit seiner Familie in Salzgitter-Thiede lebt, "gezielt mehr Zeit für die Familie und für die Ehrenämter".
Auf die Erklärung Schmidts reagierten Wolfenbütteler Politiker und Weggefährten mit Respekt vor der persönlichen Entscheidung, aber zugleich mit Bedauern. "Er hat die Interessen des Wahlkreises und der SPD hervorragend vertreten. Sein Rückzug ist ein schwerer Verlust für die Partei", sagte SPD-Unterbezirkschef Karl-Heinz Mühe. Nach mehr als drei Jahrzehnten Politik und mit knapp 62 Jahren habe Schmidt aber das Recht, "etwas kürzer zu treten".
Zum möglichen Nachfolger Gabriel sagte Mühe: "Das ist ein Mann mit viel politischer Erfahrung. Er wird in Berlin kraftvoll auftreten."
Landrat Burkhard Drake (SPD) lobte, "Wilhelm Schmidt war in seinem Wahlkreis stets präsent und hat nie die Bodenhaftung zu seinen Wählern verloren. Es hat zwischen uns eine gute Zusammenarbeit gegeben. Dank seiner Hilfe war es jederzeit möglich, einen kurzen Draht zu den Ministerien herzustellen."
"Schmidt war immer ansprechbar und verlässlich." Auch Wolfenbüttels Bürgermeister Axel Gummert betonte, dass Schmidt trotz seiner Belastungen in Berlin seinen Wahlkreis nie vernachlässigt habe. "Sein Ausscheiden aus dem Bundestag wird für die politische Vertretung Wolfenbüttels ein Verlust sein."
Augenzwinkernd merkte Gummert an, dass Schmidt noch eine Stelle im Rathaus hat. Schmidt war Chef der Personalabteilung und Ausbildungsleiter, bevor er 1978 in den Landtag zog und 1987 in den Bundestag wechselte. Seither ist er beurlaubt. Es sei aber sicher nicht zu erwarten, dass Schmidt nach seinem Ausscheiden aus dem Bundestag wieder ins Rathaus zurückkehre.
"Ich bedauere Schmidts Rückzug sehr, kann aber gut verstehen, dass er sich nun auf das Ehrenamt konzentrieren will", meinte Wolfenbüttels SPD-Stadtverbandsvorsitzende und Landtagsabgeordnete Dörthe Weddige-Degenhard. Marcus Bosse, SPD-Fraktionschef im Kreistag, sagte: "Er war ein Arbeitstier, er hat seinen Wahlkreis wirklich beackert."
Überrascht reagierte SPD-Stadtratsfraktionschef Horst Krumbholz: "Ich hatte gehofft, dass er weiter macht. Das wäre auch sinnvoll gewesen. Schmidt hat sich um die Allgemeinheit verdient gemacht. Dabei hat er sich auch den Respekt des politischen Gegners erworben."
"Schmidt hat für die Region viel geleistet. Dafür gebührt ihm Respekt", sagte Ilona Ciecior, Geschäftsführerin des Awo-Kreisverbands Wolfenbüttel. Über die Parteigrenzen hinaus sei er Ansprechpartner "für alles und jeden" gewesen.
Nüchtern reagierte der CDU-Bundestagsabgeordnete Jochen-Konrad Fromme: "Das ist Sache der SPD." Zur Nachfolgeschaft meinte er: "Mir ist jeder politische Gegner recht. Ich wünschte mir einen SPD-Kandidaten aus unsrem Wahlkreis, der auch die Interessen der Region in Berlin vertreten will."
CDU: Jeder Gegner recht
Erwartet hatte CDU-Kreisverbandschef Frank Oesterhelweg den SPD-Personalwechsel. Sein Kommentar: "Gabriel ist nicht der ruhige und sachliche Arbeiter wie Schmidt es war und wie Fromme es ist."
Im Rathaus erinnerten sich ehemalige Kollegen an Schmidt. Siegfried Kassel ging mit ihm zur Mittelschule Harzstraße und begann mit ihm am 1. April 1960 die Ausbildung in der Stadtverwaltung. "Das war eine lustige Zeit", verriet Kassel, heute im Rechnungsprüfungsamt. Und Manfred Hagemann (Personalamt) weiß noch, dass Schmidt "fachlich kaum zu schlagen war". Und: "Er ist menschlich schwer in Ordnung"
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