Er fährt und fährt und fährt
40 Jahre und kein bisschen angestaubt: Der Bücherbus ist eine von acht Fahrbüchereien in Niedersachsen
WOLFENBÜTTEL. Im Landkreis Wolfenbüttel kommt der Lesespaß vor die Haustür: Der Bücherbus ist prall gefüllt mit Romanen, Sachbüchern, Zeitschriften und CDs. Seit 40 Jahren hat dies Tradition. Seine Freunde bleiben ihm oft ein Leser-Leben treu.
"Es war ein angenehmer Tag, der 25. März 1968", erinnert sich Helga Ziesemann. Sie ist damals Leiterin der Bücherei des Bildungszentrums. Zwei Jahre Vorarbeit liegen hinter ihr. Sie hat Bücher gekauft und zusammen mit dem Fahrer Gerhard Hoppe den gelb-blauen Bus vorbereitet. Der ist eigentlich ein Sattelschlepper.
"Wir mussten die Fahrtroute erst einmal testen. Wir wussten nicht, ob wir überall durchkommen", sagt Ziesemann. Die erste Tour beginnt in Seinstedt, geht über Kalme, Bornum und Neindorf nach Linden. Hoppe muss noch aus dem Fahrer-Häuschen klettern und die Tür zur rollenden Bibliothek öffnen. Der Bücherbus wird nicht gestürmt, aber es kommen viele Neugierige. "Am Abend habe ich zu mir gesagt: Das wird etwas", berichtet Ziesemann. 27 Bücherfreunde beantragen am ersten Tag einen Leseausweis.
Der Landbevölkerung die Literatur nahe zu bringen, war der Grund, den Bücherbus einzurichten. Ein Leser, ungefähr 70 Jahre alt, nahm das sehr ernst, erzählt Ziesemann. Er wollte unbedingt Günter Grass lesen, der damals für den Bundeskanzler Willy Brandt warb. "Wir haben ihm vorsichtige Hinweise gegeben, Grass sei ein sehr moderner Autor." Empört kam der Mann nach vier Wochen wieder: "Wir kann man so etwas schreiben. Pfui!" habe er ausgerufen. Damals gab es auch noch Tabus: Oswald Kolles Aufklärungsbücher kamen nicht in den Bus.
Mittlerweile rollt die dritte Generation "Bücherbus" über die Straßen des Landkreises. Er verfügt über eine Klimaanlage und muss glatte Straßen nicht mehr fürchten, wie einst der Sattelschlepper. 91 Haltestellen fährt er an.
"Mancher, der als Kind ausgeliehen hat, kommt jetzt mit seinen eigenen", beschreibt Antje Götz die Faszination über Generationen. Sie verleiht seit 13 Jahren Medien aller Art in der fahrenden Bibliothek. Götz liebe den Kontakt zu den Kindern, die Freude in ihren Augen, wenn ihnen ein Buch gefalle. Neben ihr fährt vor allem Annegret Henschel mit.
Die Leser von heute sind vor allem jung und weiblich. Auch viele ältere Frauen sind ihrem Bücherbus Woche für Woche treu. Seit zwei Jahren stehen Grundschulen auf dem Fahrplan. "Wir wollen das Lesen fördern", sagt Götz.
Wer möchte, kann über das Internet im Katalog der Bücherei des Bildungszentrums ein Buch suchen und vorbestellen. Das wird auf der nächsten Fahrt vorbeigebracht. Wem das zu aufwändig ist: 4500 Medien, vom Roman bis zur Zeitschrift, fahren jede Woche mit. Ein Buch ist seit Anfang an ein Renner bei den jungen Lesern "die drei Fragezeichen" von Robert Arthur.
"Viele Landkreise haben nicht so lange mitgemacht", lobt Ziesemann. "Auch in Zeiten knapper Kassen wurde der Bücherbus nie ernsthaft in Frage gestellt", betont Kornelia Vogt, Pressesprecherin des Landkreises Wolfenbüttel. Der Bücherbus sei eine Erfolgsgeschichte.













