Späte Antworten auf Sicherheitsfragen
Asse-Betreiber: Anstieg des Lösungszuflusses ist jederzeit möglich - Freisetzung von radioaktiven Substanzen
und Thomas Stechert
REMLINGEN. Bereits im März 2007 hat das Bundesumweltministerium 16 sicherheitsrelevante Fragen an das Bundesforschungsministerium zum Atommüllager Asse II bei Wolfenbüttel gestellt, die die damalige GSF, heute Helmholtz-Zentrum München als Betreiberin der Asse, im April 2007 beantwortet hat.
Darauf hin hatte das Bundesumweltministerium noch Nachfragen und die ihr unterstehende Fachbehörde, das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), bekam von der GSF 33 Unterlagen zur Überprüfung und eigenen Beantwortung der Fragen.
Nun hat das Bundesamt für Strahlenschutz eine Zusammenstellung der Fragen und Antworten über das Asse-II-Begleitgremium der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt, 15 Monate nachdem die Fragen gestellt worden waren.
Der Kreisumweltausschuss nahm diese späte Übersendung der Fragen und Antworten mit Empörung zur Kenntnis. Derweil haben sich die Mitglieder des Asse-II-Koordinationskreises schon mit den Antworten beschäftigt. Sie kommen gleich mehrfach zu der Feststellung, dass die vorhandenen Unterlagen die gegebenen Antworten nicht hergeben.
Wir veröffentlichen die wichtigsten Fragen und Antworten des Asse-Betreibers in Auszügen.
Wie belastbar sind die Aussagen zur Standsicherheit der Grube?
Im Fachgespräch wurde erläutert, dass die Ergebnisse der Modellrechnungen ständig mit den Ergebnissen der Messungen am Standort verglichen werden. Diese stimmen sehr gut überein. Aus Sicht der GSF bestehen daher keine Zweifel an den Aussagen zur Standsicherheit.
Welche Sicherheitsreserven beinhalten die für die Prognose der Standsicherheit gewählten Parameter?
Das Kriterium für die Beurteilung der Resttragfähigkeit des Tragsystems der Südflanke ist die Deckgebirgsverschiebungsrate. Diese wird durch horizontal in den Pfeilern angeordnete Extensometer, Inklinometer und markscheiderische Lagemessungen erfasst. In den Rechenmodellen wurden die Stoffparameter bezüglich der Festigkeit und der Deformationsfähigkeit konservativ festgelegt, so dass nach gegenwärtigem Wissensstand die berechnete Obergrenze der Deckgebirgsverschiebungsrate abdeckend ist und die Untergrenze auch noch niedriger liegen könnte. Durch die Verfüllung der Südflanke mit Salzversatz sind die Pfeilerstauchungsraten rückläufig. Dieser Rückgang ist derzeit stärker als in den gebirgsmechanischen Prognoserechnungen errechnet. Hieraus ergibt sich eine gewisse Sicherheitsreserve.
Wie belastbar kann der Einfluss von Feuchtigkeit auf das Tragvermögen des Gebirges eingeschätzt werden?
Der Einfluss des Feuchtekriechens wurde wissenschaftlich untersucht und abgesichert. Weiterhin erfolgte bereits die pneumatische Versatzeinbringung in der Südflanke aus arbeitssicherheitlichen Gründen mit Zusatz von Salzlösung, und auch im Tiefenaufschluss wird die Schutzfluideinbringung messtechnisch überwach. Die vorliegenden Messergebnisse wurden bei den Prognoserechnungen berücksichtigt.
Welche Bewertungsgrößen wurden für die Beurteilung der Standsicherheit und Integrität herangezogen?
Deckgebirgsverschiebungsraten, Konvergenzraten, Senkungen über Tage, Mikroseismische Aktivität, Spannungsmessungen im Tragsystem und im Versatz, Lagemessungen, Zuflussentwicklung.
Welche Verformungen im Grubengebäude können noch zugelassen werden?
Die absolute Verschiebung hat weniger Einfluss auf die Standsicherheit, sondern wirkt sich vielmehr auf den Salzlösungszutritt aus. Aus heutiger Sicht ist ab 2014 eine weitere Stabilisierung des Tragsystems durch einen Innendruck erforderlich, um eine weitere degressive Entwicklung der Deckgebirgsverschiebungsraten sicherzustellen.
Welche Alternativen sind betrachtet worden, um die Standsicherheit des Grubengebäudes zu verlängern?
Es wurden folgende Varianten untersucht: Trockenversatz ohne Schutzfluid; Einbau des Schutzfluids oberhalb der 700-Meter-Sohle ab 2011 ohne weitere Maßnahmen; Schutzfluideinleitung oberhalb der 700-Meter-Sohle ab 2011 mit Unterbrechung zum Bau der Schachtverschlüsse; Schutzfluideinleitung oberhalb der 700-Meter-Sohle ab 2011 mit längerer Unterbrechung und Bau der Schachtverschlüsse; Verdoppelung der Schutzfluideinleitungsrate oberhalb der 700-Meter-Sohle ab 2011 mit Unterbrechung zum Bau der Schachtverschlüsse; zeitlich verzögerte Schutzfluideinleitung oberhalb der 700-Meter-Sohle ab 2011 mit Unterbrechung zum Bau der Schachtverschlüsse und mit zusätzlichem Pumpversatz; zeitlich verzögerte Schutzfluideinleitung oberhalb der 700-Meter-Sohle ab 2011 mit Unterbrechung zum Bau der Schachtverschlüsse und mit pneumatischen Stützdruck; Injektion des bereits eingebauten Salzversatzes; Einbau von Spülversatz.
Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein rasch ansteigender Lösungszufluss die vollständige Durchführung der Verfüll- und Verschlussmaßnahmen behindert beziehungsweise verhindert?
150 Jahre Erfahrung aus dem Bergbau haben gelehrt, dass ein Anstieg des Lösungszuflusses jederzeit möglich ist. Aufgrund der Situation am Standort Asse wird die Möglichkeit eines solchen Anstiegs jedoch als wenig wahrscheinlich eingestuft. Hierfür sprechen die Teufenlage, die Geologie, die Zuflussentwicklung und die derzeit rückläufigen Verformungsraten.
Mit welchem zeitlichen Vorlauf würde sich ein solcher Lösungszufluss ankündigen?
Ein rascher Anstieg des Lösungszuflusses kündigt sich zumeist durch Veränderung der chemischen Zusammensetzung bzw. Salzkonzentrationen der zutretenden Lösung an. Erfahrungen aus dem Kalisalzbergbau zeigen, dass die Vorlaufzeit bis zu einem rasch ansteigenden Lösungszufluss sowohl wenige Monate als auch mehrere Jahre betragen kann. Die Entwicklung des Salzlösungszutritts in die Schachtanlage Asse wird sorgfältig beobachtet. Seit mehr als zehn Jahren treten relevante Veränderungen weder in der chemischen Zusammensetzung noch in der Zutrittsrate auf.
Sind wirksame Maßnahmen vorhanden, um stärkere Lösungszuflüsse zu beherrschen?
Ja. Aufgrund der geologischen und hydrogeologischen Verhältnisse ist von einer maximalen Zutrittsrate von 500 Kubikmetern täglich auszugehen. Für diese Zutrittsrate sind technische Vorkehrungen getroffen, um Lösungen nach über Tage fördern und abtransportieren zu können. Die Erfahrungen aus dem Salzbergbau zeigen jedoch, dass auch höhere Zutrittsraten und abnehmende Salzkonzentrationen nicht auszuschließen sind.
Mit welchen radiologischen Konsequenzen müsste im Falle eines solchen Ereignisses gerechnet werden?
Das Auftreten einer nicht beherrschbaren Lösungsmenge hätte erfahrungsgemäß auch eine untersättigte Lösung zur Folge. Ein solcher Zufluss wäre dann mit Lösungsprozessen nicht nur im Carnallitit, sondern auch im Steinsalz verbunden. Starke gebirgsmechanische Reaktionen wären im ohnehin stark beanspruchten Deckgebirge die Folge.
Ist mit einer Freisetzung von radioaktiven Substanzen unterhalb der ersten 1000 Jahre zu rechnen?
Nein. Nach den Berechnungen zur Langzzeitsicherheit beträgt die Transportverzögerung in den Grube wenigstens 1000 bis 3000 Jahre.
Welche maximalen radiologischen Konsequenzen können sich ergeben und zu welchem Zeitpunkt?
Das Expositionsmaximum wird nach zirka 23 000 Jahren erwartet.













