Kilius/Bäumler ein Traumpaar schreibt Olympia-Geschichte
Erinnerungen an die Winter-Spiele 1964 "Gegen die Russen zu stimmen, war eine echte Mutprobe"
BRAUNSCHWEIG. Olympische Spiele 1964 in Innsbruck. Die Kür im Eiskunstlauf der Paare steht vor dem Höhepunkt, nur die Favoriten kommen noch. Rund ums Eisoval gibt es keinen freien Platz mehr.
Ein Jahr haben Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler auf diesen Moment hin trainiert, haben sich geschunden, blaue Flecke geholt, in den damals offenen Stadien bei Minusgraden immer wieder ihre Figuren geübt. Jetzt wollen die mehrfachen Europa- und Weltmeister ihren Lohn abholen: olympisches Gold.
"60 mal 30 Meter groß ist die Eisfläche, Millionen Zuschauer sitzen gebannt an den Fernsehschirmen und wir wollen, wir müssen gewinnen, sind die großen Favoriten. Der Druck war unvorstellbar", erinnert sich Bäumler. "Wir sind fehlerlos gelaufen."
Doch Susan Francis-Morrow aus Kanada, Preisrichterin mit der Nummer 4, sieht das anders. "Sie hat uns auf Platz 11 eingestuft, unglaublich", sagt Bäumler, "um einen Hundertstel-Punkt haben wir Gold verpasst."
"Schicken Sie mir eine Pistole, damit ich die Kanadierin schnellstens abschießen kann", verlangt telegraphisch ein wütender Bundesbürger.
"Die Russen sind auch fehlerfrei gelaufen"
Deutsche von nah und fern protestieren gegen die Preisrichterin aus Toronto, weil sie glauben, dass Deutschlands Weltmeisterpaar verschaukelt worden ist. Es gewinnen die Russen Ludmilla Belousowa und Oleg Protopopow.
"Ich gebe zu, die Russen sind auch fehlerfrei gelaufen. Nicht mal Oleg ist gestolpert. Das hat er sonst bei wichtigen Wettkämpfen oft getan", erzählt Bäumler und kann nach 46 Jahren über den verpatzten Abend lachen. "Dass die Kanadierin später lebenslang als Wertungsrichterin gesperrt worden ist, konnte uns nicht trösten."
Ach ja, die Wertungsrichter. "Die mit ihren Täfelchen, die teilweise überhaupt keine Ahnung von Spitzen-Eiskunstlauf hatten", sagt Bäumler. Hattest du damals sechs aus dem Ostblock und vier aus dem Westen, war die Sache oft von vornherein klar kam nicht gerade ein Sturz dazwischen.
Doch Bäumler hat zumindest im Nachhinein auch ein wenig Verständnis für die Punktrichter aus dem Osten. "Die wussten genau: Stimmen sie gegen die Russen, kommen sie nicht mehr raus in den Westen. Gegen die Russen zu stimmen, war eine echte Mutprobe."
Eine gehörige Portion Mut und Härte musste das einstige deutsche Sport-Traumpaar, das in den 60ern einen Bekanntheitsgrad hatte wie derzeit die Beckhams, das wie Popstars verehrt wurde, alltäglich mitbringen. Eiskunstlauf fand damals überwiegend im Freien statt, nicht in geheizten Hallen.
"Natürlich habe ich für Marika geschwärmt"
"Wir haben manchmal in zehn Zentimeter Schnee trainiert damals in Garmisch. Und ich kann mich an die WM in Cortina erinnern, da sind wir bei minus 16 Grad Weltmeister geworden. Ich hatte mir ein Ohr abgefroren, Marika zwei Finger. Überlegen Sie mal, bei diesen Temperaturen Hebefiguren zu machen, die Partnerin nicht loszulassen."
Die Trainingsbedingungen haben sich in den Jahren geändert, der enorme Druck für den einzelnen Athleten ist geblieben. Das spürt unser derzeitiges Spitzenpaar, die Chemnitzer Aljona Savchenko und Robin Szolkowy Gold-Favoriten wie einst Kilius/Bäumler.
"Die beiden werden in Vancouver spüren, wie schwer es ist mit der Favoritenbürde umzugehen, einen Titel zu verteidigen", sagt Bäumler, der die Olympischen Spiele und natürlich vor allem die Eiskunstlauf-Wettbewerbe von Braunschweig aus verfolgen wird. Er spielt in der Komödie am Altstadtmarkt im Stück "Hände weg von meiner Frau" und dabei ist das Multitalent ähnlich erfolgreich wie einst auf dem Eis.
Während heute ein Olympiastart wissenschaftlich und generalstabsmäßig vorbereitet wird, blieb früher fast alles an den Athleten hängen, etwa die Musik für die Kür. "Die habe immer ich ausgesucht. Ich bin in ein Tonstudio in Garmisch und wir haben eine Kür zusammengebaut", sagt Bäumler.
Mit vier Platten im Koffer zogen die beiden zu Wettkämpfen. "Ich erinnere mich noch an die große Halle in Prag. Da lief der Plattenteller dann zu schnell, so schnell konnten wir gar nicht eislaufen." Heute wird eigens für eine Kür eine Musik komponiert.
Die Faszination des Paarlaufens hat sich damit in den Jahrzehnten aber nicht verstärkt. Heute stehe die Technik viel zu sehr im Vordergrund, kritisiert Bäumler. Vierfach-Sprünge gehören seiner Meinung nach in den Einzel-Wettbewerb oder müssten in einer vorgezogenen Pflicht abgeprüft werden.
"Es gibt so tolle Paare, die laufen so schön, bis es zum ersten Dreifachen kommt, den beide parallel meistern müssen, und schon ist der Sturz da", sagt Bäumler. Die Ästhetik des Paarlaufens leidet, wenn die Frauen immer kleiner und leichter werden, die Männer immer muskulöser, damit sie die Partnerin möglichst weit durch die Luft schleudern können.
Anders Marika Kilius und Hans Jürgen Bäumler. Sie verkörperten ein Ideal auf dem Eis, zierten mehrmals die Seite 1 der Bravo, waren Idole einer ganzen Nation, ja Weltstars. Nur geheiratet haben die Eisprinzessin und der Eisprinz nicht. "Dann wären wir bestimmt nicht so lange für die Medien interessant geblieben", meint Bäumler, der in der Neuen Post aber zugab. "Natürlich habe ich für sie geschwärmt."













