Braunschweigs Finne in Barcelona
Jonas Hamm ist froh über seine doppelte Staatsbürgerschaft und will morgen ins 1500-Meter-Finale laufen
BRAUNSCHWEIG. "Ich weiß, dass ich privilegiert bin und Möglichkeiten habe, die andere nicht haben", sagt Jonas Hamm. Der Mittelstreckler der LG Braunschweig darf bei der EM in Barcelona starten, obwohl er klar langsamer ist als die Besten seiner Trainingskollegen.
Möglich macht es seine doppelte Staatsbürgerschaft: Der in Hamburg geborene Sohn einer finnischen Mutter und eines deutschen Vaters startet für das kleine Finnland, das seinen Läufern keine so schwere Norm abverlangt wie der Deutsche Leichtathletikverband.
Das soll Hamms Leistung nicht schmälern. In 3:39,93 Minuten über 1500 Meter ist er in diesem Jahr so schnell wie noch nie gelaufen. "Das hat einfach mal gepasst, der Rennverlauf in Wattenscheid war optimal", erzählt der 30-Jährige. "Ich habe ja auch lange gewartet, dass mal einer rausrutscht." 3:42 Minuten ist die europäische EM-Zugangsnorm, der DLV verlangt 3:37 Minuten.
Sein Leistungsstand sei nicht sonderlich besser als in den Jahren zuvor, urteilt der Athlet. "Aber ich bin zum ersten Mal seit Herbst ohne Verletzungen und Krankheiten durchgekommen und konnte meine Form kontinuierlich aufbauen."
Damit wollte er eigentlich heute bei der EM im 1500-m-Vorlauf ins Halbfinale stürmen. Doch wegen des kleinen Starterfeldes geht es morgen gleich mit den beiden Rennen der besten 24 los. Um sein großes Ziel, das Finale zu erreichen, braucht Hamm das Glück, ins schnellere Halbfinale eingegliedert zu sein. "Dann kann man als Achter oder Neunter auch noch weiterkommen", malt er sich aus.
Auf jeden Fall freut er sich auf seinen Haupt-Trainingspartner Moritz Waldmann aus Hannover, der neben dem Berliner Carsten Schlangen in Barcelona die deutschen Farben über 1500 Meter vertritt.
Finnland kannte Jonas Hamm ursprünglich nur aus dem Urlaub. 2004 kam der Student auf die Idee, beim finnischen Verband nach einem Startrecht fürs Nationalteam nachzufragen. "Das lief dann nett und unkompliziert", erzählt er. Er musste sich allerdings einen finnischen Verein suchen und wurde bei Lahden Ahkera fündig.
Seitdem startet Hamm als schnellster 1500-Meter-Läufer des Landes für die Finnen, kennt mittlerweile auch seine Kollegen aus dem Nationalteam bestens. Die nationalen Meisterschaften und vor allem die traditionellen Länderkämpfe gegen Schweden sind stets ein Höhepunkt in seinem Kalender. Und auch so eine EM ist kein Neuland für den Schlacks, der seit 2007 für Braunschweig läuft. Die Weltmeisterschaft 2005 in Helsinki und die der EM 2006 in Göteborg hat er schon mitgemacht, allerdings mit mäßigem Erfolg. "Da habe ich noch was gutzumachen", sagt Hamm kämpferisch.
Es ist die große Bühne, die ihn motiviert. "Hätte ich nicht die Chance, international zu starten, dann hätte ich mit dem Leistungssport schon längst aufgehört", sagt er nüchtern. "Dann hätte ich mein Jura-Studium durchgezogen und wäre längst fertig." Stattdessen hat er 2005 übergangsweise auf ein weniger zeitintensives Fernstudium BWL umgesattelt, läuft lieber mehr. Und sollte es morgen tatsächlich mit dem Einzug ins Finale klappen, wird sich Hamm allemal bestätigt fühlen.













