"Das war nur Kopf"
Wie Braunschweigs Ex-Sprintstar Melanie Paschke Europameisterin Sailer sah
BARCELONA. Sie hatten sich zuvor nie persönlich kennen gelernt. Doch vor dem Gold-Interview fielen sich die alte und die neue deutsche Sprintkönigin im Jubel vereint in die Arme. "Als würden wir uns ewig kennen", meinte Melanie Paschke. Die Braunschweigerin war von der ARD nach Barcelona eingeflogen worden, um die 100 Meter von Europameisterin Verena Sailer als TV-Expertin zu kommentieren. Denn Paschke war 1994 die letzte deutsche EM-Medaillengewinnerin auf der kurzen Sprintstrecke und vier Jahre später über 200 Meter gewesen.
Dass ihre Nachfolgerin Gold holen werde, hatte die vor einer Woche aus Salzgitter nach Bochum umgezogene Paschke schon nach dem Halbfinale prognostiziert. Gerade weil es für Sailer nicht glatt verlaufen war. Kurz nach dem Start kam sie aus dem Tritt, wäre fast gestürzt eine Szene, die die neue deutsche Leichtathletik-Heldin später als eine Art Weckruf für sich selbst bezeichnete. Denn sie schaltete den Turbo an, rollte das Feld von hinten auf, siegte noch souverän.
"Respekt, das zeigt, wie gut sie drauf ist und wie mental stark", urteilte Paschke. Dass Sailer nach diesem Lauf das Fernsehinterview verweigerte, konnte die 16 Jahre Ältere gut nachvollziehen. "Das hat mich ein bisschen an mich selbst erinnert, Verena ist direkt an der Kamera vorbeimarschiert, war schon total fokussiert auf das Finale", schilderte die Staffel-Weltmeisterin von 2001. "Da kommt dann das Gerücht auf, sie sei zickig. Aber ich konnte das auch nie, vor dem entscheidenden Rennen locker mit Leuten plaudern."
Als die 24-jährige Mannheimerin dann im Finale in persönlicher Bestzeit von 11,10 Sekunden die sie bedrängende Französin Veronique Mang (11.11) auf den letzten Metern niederkämpfte, fühlte sich Paschke bestätigt. "Das war nur Kopf! Ganz stark, wie sie das durchgestanden hat, ohne zu verkrampfen."
Dass Sailer die Chance auf den ersten deutschen Europameistertitel seit dem von Katrin Krabbe 1990 haben würde, ließ sich seit der Weltmeisterschaft 2009 erahnen. Da war die U-23-Europameisterin von 2007 schon die schnellste Europäerin und schnellste Weiße, schied trotzdem im Halbfinale aus. "Ich wollte die EM-Goldmedaille das ganze Jahr, und das war auch das einzige, was für mich gezählt hat", sagte sie nach ihrem Triumphlauf von Barcelona so selbstbewusst und zielstrebig, wie Paschke sie eingeschätzt hatte. Sie habe das ganze Jahr nur auf die EM hingearbeitet. "Seit Berlin hatte ich immer das Bild vor Augen, wie ich als Erste über die Linie laufe." Weil sie aber den Druck von außen klein halten wollte, habe sie immer nur vom Finale als Ziel gesprochen.
Als am Abend im EM-Club des DLV ausgiebig Sailer und die Renaissance des deutschen Sprints gefeiert wurde, stand Paschke beobachtend etwas abseits. Der Fernsehjob hatte ihr Spaß gemacht, und dass sie als Sprint-Star nun abgelöst ist, scheint ihr nichts auszumachen.
"Es ist einfach nicht mehr meine Zeit akzeptiert!" resümiert sie und freut sich mit Sailer. Die sei nun eine nationale Heldin und müsse sich keinesfalls mit Krabbe oder ihr vergleichen lassen. Höchstens ein bisschen: "Vielleicht toppt sie ja meine Bestzeit noch", fügt Paschke an. Die liegt bei 11,04 Sekunden und bei 11,07 Sekunden im EM-Finale 1998. Damals in dopingverdächtigeren Zeiten reichte das allerdings nur zu Platz fünf.













