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12. Februar 2012
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Chronologie einer Qual für den guten Zweck

Härter als Hawaii in neun Stunden: Daniel Dost und Maik Dieroff schaffen weltweit ersten Ironman-Triathlon in geschlossenen Räumen

Von Ute Berndt

Auf Hawaii gibts bekanntlich kein Bier, im Fitnessstudio Elixia wurde am Samstag "im Ziel" ein frisches Weizen gereicht. Dankbar nahmen Daniel Dost und Maik Dieroff ihr Glas entgegen. Sie hatten die Triathlon-Königsdisziplin als Premiere unterm Dach in exzellenten Zeiten bewältigt und gespürt, dass es zwischen dem weltberühmtesten Ironman und seinem weltersten Indoor-Ableger doch bedeutende Unterschiede gibt.

Tom Staats allerdings, Lokalmatador der "Friends for life" und Organisator der Aktion zugunsten des Vereins Herzkind, hatte kurz zuvor wegen Wadenkrämpfen aufgegeben.

Die Chronologie einer Qual: Morgens um 9 Uhr starten die drei Ausdauerathleten ihr Abenteuer mit der 3,8-km-Schwimmstrecke im 20-Meter-Becken, 190 Wenden, kein Problem für die Extremsportler, die noch frisch bei der Sache sind.

Etwas sauer wartet der Begleittross, neun Triathleten des Lindener SV, auf seinen Start. RTL filmt die "Stars" und wünscht keine zusätzlichen Wellenmacher im Becken. So müssen die Wolfenbütteler eine halbe Stunde später starten und schaffen es am Ende nicht mehr, mit ihrer Ironman-Staffel Dost und Dieroff einzuholen. "Schön, dass wir etwas für einen guten Zweck tun können", meint LSVer Kai-Uwe Ruf. "Eine witzige Aktion, aber ich mache meinen Sport lieber im Freien."

Knapp eine Stunde später sitzen die "Friends for life" auf ihren Spinningrädern. Die Stimmung ist gut. Auch einige Radfahrerinnen das Trio, Musik treibt alle an. Doch bei der fünfstündigen Prüfung vergeht den Drei schnell der Spaß. Staats bekommt Magenprobleme. Allen schmerzt das Sitzfleisch. Braunschweig ist nicht Hawaii, Spinningräder verlangen den Fahrern mehr ab als Rennmaschinen. Weil es keine Berge, Abfahrten und Gangschaltungen gibt, müssen die Eisenmänner ihre 180 Kilometer in hoher Trittfrequenz ohne Pause abspulen. Kein Dehnen der Beine, kein Entspannen der Muskeln ist möglich.

Das Sitzfleisch leidet

Als Erster wechselt Dost aufs Laufband, wo ein Marathon, 42,195 Kilometer, zu absolvieren ist. "Das war für meinen Hintern die letzte Sekunde, sonst wäre ich vor Schmerzen vom Rad gesprungen", gibt der Berufsfeuerwehrmann zu und freut sich richtig aufs Laufen.

So wie er losrennt, muss er gebremst werden. "Die Herzfrequenz ist zu hoch", urteilt Leistungsdiagnostiker Dieter Flemming aus Kiel, der den Athleten verkabelt hat und den Zuschauern jeden Herzschlag auf einem Notebook zeigt. Statt 12,5 Kilometer pro Stunde läuft Dost nun "nur" mit 11,5 km/h weiter.

Mittlerweile ist auch Dieroff auf dem Laufband angekommen. Der Peiner hat eine Postkarte mit dem Mount Everest vor seine Trinkflaschen drapiert als Motivationshilfe. "Da will ich irgendwann mal hoch." Wirklich von den Bergen träumen kann der 35-Jährige allerdings nicht. "Das geht nur unter freiem Himmel, hier auf dem schmalen Laufband musst du auf jeden Schritt achten, sonst liegst du gleich hinten im Pool." Braunschweig eben.

Während sich Staats noch auf dem Rad abquält, stellen sich für die Läufer zum ersten Mal die Catkins auf, das Danceteam der Braunschweig Lions. Sie hätten sich zur Verfügung gestellt, um die Triathleten ein bisschen aufzumuntern und selbst für Herzkind zu spenden, erzählt Tänzerin Tanja Wolske.

Als sie eineinhalb Stunden später zum letzten Mal auftreten, haben die inzwischen drei Läufer kaum noch einen Blick für die jungen Frauen. Staats helfen auch die Packungen mit Gel-Nahrung nicht, die er an sein Band geklebt hat. Er hat nun Wadenprobleme, und verschwindet häufig in der Umkleide. Dieroffs Blick ist starr geworden, mit schweren Knien arbeitet er sich voran.

Allein Dost bewegt sich noch locker, blickt entschlossen ins Leere. "Der ist mental am stärksten", urteilt Sylta Rohmann. Die Spinningtrainerin hat in der Nacht das Musikprogramm für die 180 Kilometer zusammengestellt und war selbst dreieinhalb Stunden mitgefahren. "Hochleistungssport schlechthin", sagt sie bewundernd in Richtung der drei Athleten. "Schade, dass so wenig Leute hier sind und mitmachen oder die drei anfeuern."

Schaulustige sind kaum gekommen, nur 16 Hobbysportler haben das Trio aktiv begleitet. Der LSV ist der einzige Triathlonverein der Region, der eine Staffel schickt, Organisator Staats ist enttäuscht. Dank einer 2000-Euro-Spende einer Firma kommen wenigstens 2572 Euro zusammen. "Wir sind sehr dankbar", sagt Margit Hogendoorn von Herzkind. "Uns hilft es vor allem, dass die Friends for life uns in der Öffentlichkeit bekannt machen."

"Feierabend", tönt es plötzlich durch den Raum. Tom Staats hat mit der Hand auf das Laufband geschlagen, verkündet nach 8:53 Stunden und 19 Kilometern seine Aufgabe. Wütend zieht er gleich sein Trikot aus und stapft in die Umkleide.

Dost hingegen ist bald im Ziel. "Das wird ja eine fantastische Zeit", schwärmt Betreuer Michael Kumpe. Allmählich fangen die 30 Umstehenden an, rhythmisch zu klatschen. Auch Dost wirkt nun ausgelaugt, hat sich immer wieder Wasser über den Kopf geschüttet. Jetzt lächelt er, lässt sich feiern, scherzt in eine Videokamera, reckt die Daumen zur Decke – noch ein knapper Kilometer.

Wadenkrampf im Ziel

Doch plötzlich: sein schmerzverzerrtes Gesicht, er humpelt. "Geschafft, 9:08 Stunden", erlöst ihn die Zeitnehmerin von einem Wadenkrampf. Dann kommt das Weizenbier. "Ich bin glücklich, dass es vorbei ist", sagt der 29-Jährige, wirkt nicht erschöpft. "So heftig hatte ichs mir nicht vorgestellt, das war ’ne harte Nummer hier drin mit gefühlten 50 Grad." Hawaii ist kälter.

Woher er die mentale Stärke für die Quälerei nimmt? "Ich wollte mit einer guten Leistung zeigen, dass wir uns hier nicht nur einen Spaß machen, sondern entschlossen sind, was zu leisten für die herzkranken Kinder. Ich hoffe nur, dass sich die Mühe gelohnt hat und viele Spenden zusammen gekommen sind."

Dann reiht er sich ein in die Reihe der Anfeuernden für Maik Dieroff, der nach 9:30 Stunden sein Band abschalten darf, reicht dem Kumpel sein Weizenbier und geht gleich noch eine Runde bestellen. Denn bald sind auch die Lindener im Ziel.

Montag, 05.04.2004
Quelle: http://www.newsclick.de/index.jsp/artid/2661771/menuid/2168

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