"Ich bin schon ein Affe!"
Die Schauspielerin Sophie Rois im Interview vor ihrem Movimentos-Auftritt über Tiere, Menschen und Moral
Die österreichische Schauspielerin Sophie Rois gastiert am Montag, 11. Mai, um 20 Uhr beim Wolfsburger Movimentos-Festival im Alvar-Aalto-Kulturzentrum. Sie trägt in einer szenischen Lesung Tiergeschichten von Franz Kafka vor, unter anderem "Ein Bericht für eine Akademie". Darin erzählt ein Wesen namens Rotpeter einer akademischen Versammlung, wie es als Affe gefangen und zum Menschen abgerichtet wurde. Mit Sophie Rois sprach unser Redakteur Martin Jasper.
Wenn Schauspieler Kafkas "Bericht" vortragen, verwandeln sie sich gern auf der Bühne von einem haarigen Affen in einen anzugtragenden Menschen oder umgekehrt. Ist derlei auch bei Ihnen zu erwarten?
Nein. Ich bin schon ein Affe! Ich finde, wir müssen endlich mal aufhören, die Grenze zwischen Mensch und Tier klar bestimmen zu wollen. Wir Menschen sind Tiere! Die Affen sind uns so ähnlich, dass wir die Versuche mit ihnen auf uns ableiten. Aber sie sind uns vermeintlich fern genug, dass wir sie ohne schlechtes Gewissen in Folterkammern sperren. Das ist willkürlich.
Sind Sie eine Tierfreundin?
Nein. Das ist wie bei den Menschen. Da gibt es welche, die ich mag, und solche, die ich gar nicht leiden kann. Meine Lesung ist kein Appell gegen Tierversuche. Alles, was ich sage, ist jenseits von Moral. Ich interpretiere vorher ungern, was die Zuhörer zu denken haben. Ich will kein moralisches Machtwort sprechen, vor dem dann alle in Ehrfurcht erstarren. Sondern die klassische Literatur daraufhin überprüfen, was sie uns zu sagen hat.
Sie gehören zu den Schauspielern, die man sofort an der Stimme erkennt. Ist das von Vorteil oder eher ein Problem?
Darüber mache ich mir wenig Gedanken. Zum Glück bin ich Schauspielerin geworden und nicht Kriminelle (lacht). In der Schauspielschule haben sie gesagt, meine Stimme sei krank. Da habe ich mich gefragt: Wie gesund muss man sein, um auf eine Bühne zu dürfen? Schlingensief macht viel mit sogenannten Behinderten. Das sind astreine Performer, sie agieren sehr souverän. Wär doch traurig, wenn nur genormte Leute auf die Bühne kämen!
Sie sind ein Star von Frank Castorfs Berliner Volksbühne. Die wird von einer heftigen Krise geschüttelt...
Ich bin eins der letzten verbliebenen Ensemblemitglieder! Ich halte die Fahne und den Geist der Volksbühne hoch und werde nie einknicken! Die Volksbühne ist halt gerade nicht in Mode. Es gibt so ein reaktionäres Rollback. Und es kann auch kein Mensch 50 Jahre lang pro Jahr drei epochemachende Inszenierungen stemmen. Aber diese Bühne hat den Raum aufgemacht für Zuschauer und Darsteller, um sich künstlerisch neu auszuprobieren, das weiß ich unendlich zu schätzen.
Was genau fasziniert Sie daran?
Bei Castorf geht es nicht darum, ein fertiges Stück zu exekutieren, nicht etwas abzuspulen, das zur Verständigung geronnen ist und nun abgenickt werden kann. Text ist bei Castorf und Pollesch immer nur Material, an dem wir auf der Bühne weiterarbeiten. Es geht darum, was jetzt gedacht werden kann. Ich denke so weit, wie ich kann, und das öffentlich. Und in vergnüglicher Form. Es geht darum, auf der Bühne einen Diskurs zu eröffnen. Der Naturalismus mit Psychologie und Moral war im 19. Jahrhundert ein interessantes Experiment. Das ist er heute nicht mehr. Damit werde ich bei Castorf und Pollesch nicht behelligt.
Was stört Sie an Psychologie und Moral?
Sie sind keine geeigneten Instrumente, das Leben zu bearbeiten. Es ist ein Mythos, dass alles, was uns als Missstand erscheint, auf psychologische Probleme zurückzuführen sei. Und Moral ist unintelligent, sie greift zu kurz. Da ist man zu schnell im Konsens: Die Banker verdienen alle zu viel! Oder: Tierversuche sind aber auch schlimm!













