Der Tanzguru aus Taiwan
Lin Hwai-min wird beim Movimentos-Festival Wolfsburg für sein Lebenswerk geehrt
Diese Stimme klingt wie die eines Menschen, der mit sich und der Welt im Einklang lebt. Geschmeidig, sanft, jugendlich. Sie gehört einem 62-Jährigen: Lin Hwai-min, dem Gründer des Cloud Gate Dance Theatre aus Taiwan, der wohl bedeutendsten zeitgenössischen Tanz-Compagnie Asiens.
Am 12. Mai wird er in Wolfsburg mit dem Tanzpreis des Movimentos-Festivals für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Die Gala im VW-Kraftwerk strahlt der Fernsehsender Arte am 14. Mai ab 22.30 Uhr aus.
Wir telefonierten vorab mit dem Choreographen, erreichten ihn in seinem Hochhausappartement am Rande Taipehs. "Sweet Water" heiße sein Stadtteil, sagt Hwai-min. "Ich mag seine Luft, eine Mischung aus süß und salzig. Einer der Flüsse Taipehs mündet hier in den Ozean."
Hwai-min zählt zu den bekanntesten Köpfen der taiwanesischen Hauptstadt. Freiluft-Aufführungen seiner Compagnie verfolgen bis zu 60 000 Menschen. Dabei steuerte der Sohn eines späteren Verkehrsministers als junger Mann eigentlich auf eine Schriftstellerkarriere zu.
Mit 22 Jahren veröffentlichte er den Roman "Cicade", der ein Bestseller wurde. "Er erzählt vom Lebensgefühl Jugendlicher, die in den 1960er Jahren aufwuchsen, als Taiwan noch eine Diktatur war. Man nennt sie die verlorene Generation, und ich habe ihre Frustration, ihren Nihilismus wohl ganz treffend beschrieben", sagt Hwai-min.
Der Überraschungserfolg ermöglichte ihm Ende der 60er Jahre ein Literatur-Stipendium in den USA. Die meiste Zeit verbrachte er allerdings in Tanzstudios. Vom modernen Tanz fasziniert war er, seit er als Jugendlicher eine US-Compagnie in seiner Heimatstadt gesehen hatte.
Zurück in Taiwan, wurde Hwai-min 1972 von der Polizei zum Friseur eskortiert, der ihm seine Hippie-Frisur zurechtstutzte. Wenig später gründete er seine Compagnie. Sein Ziel: chinesische Kulturtraditionen wie Qigong und Kampfsport mit der individuellen Kraft des westlichen Ausdruckstanzes zu vereinen.
China habe zwar eine große Tradition ritueller Tänze, sagt Hwai-min. "Bewegung als Ausdruck individueller Gefühle war seit Konfuzius allerdings nicht gut angesehen. Sie galt als unzivilisiert."
2004, als er mit seinem Cloud Gate Dance Theatre erstmals bei Movimentos gastierte, übersetzte Hwai-min in "Current" den Geist chinesischer Kalligrafie in Bewegung.
Die Choreographie wurde weltweit gefeiert, auch im kommunistischen China, wo Hwai-min regelmäßig gastiert obwohl er in früheren Tanzstücken etwa das Tiananmen-Massaker von Peking kritisch verarbeitet hatte. "Wir werden dort heute als Bewahrer der Tradition anerkannt. Nach dem Modernisierungsrausch der letzten Jahrzehnte ist das mittlerweile sogar Peking ein Anliegen", sagt er.
Vom 15. bis 17. Mai zeigt das Cloud Gate Dance Theatre bei Movimentos unter dem Titel "White" vier neue Choreographien Hwai-mins. Karten unter Telefon (0800) 288 678 238.











