Tipp für Frustrierte: Hau den Dummy
16 Meisterschüler stellen in der Braunschweiger Kunsthochschule ihre Werke aus
Ärger im Job, Stress in der Ehe, überschüssige Aggressionen? Da empfehlen wir heute die Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig. Da sitzt nämlich ein Dummy. Sie wissen, das sind diese armen Kerle, die den Kopf hinhalten müssen, wenn bei VW die Autos an die Wand knallen.
Der HBK-Dummy ist einer von der masochistischen Sorte: "Schlag mich", gurrt er gierig. Und dann darf man zuhauen. Und dann ergießt sich eine Bilderflut über die Kunststoffhaut. Und wenn die nach dem Zufallsprinzip zur Ruhe kommt, erscheint der High-Tech-Watschenmann unter der Projektion eines Dias plötzlich unheimlich verfremdet: Als Lederrocker, als glutäugiges Katzenwesen, als Drahtgespenst.
Der Beitrag von Judith Stern zur diesjährigen Meisterschüler-Ausstellung ist eine schaurig-schöne Mischung aus Quällust und ästhetischer Verwandlungslust. Der Dummy: ein menschlicher Abgrund in vielen Facetten.
Quälerisch wirkt auch die VideoInstallation von Melati SuryodarmoLutz. Man kann der koreanischen Abramovic-Schülerin dabei zusehen, wie sie eine Kalbsleber mampft. Doch auch bei ihr wird das Eklige aufgehoben: im Rituellen. Die Leber als körperliches Reinigungsorgan und zugleich als mythisches Sühneopfer des Prometheus wird in rotem Gewand und mit langem Zopf verschlungen. Wie Fetische liegen eine dunkel glänzende Leber und der schlangengleiche Zopf im Raum.
Diese starken, unmittelbar körperlich berührenden Arbeiten sind in der Meisterschüler-Schau gut versteckt: Im Bereich der Filmklasse.
Ansonsten ist die Leistungsschau der Absolventen geprägt von einer hintergründig-verspielten Note, zuweilen freilich auch recht harmlos. Die spirituelle Dimension, ironisch gebrochen, bringen zwei Künstler ein. Da sind die preisgekrönten Gartenzwerge von Hansu Lee (wir berichteten), die mit ihren roten Lasern das Nirwana nach Botschaften ableuchten. Und der Filmer Kristian Petersen, der mit Hollywood-Szenen und einem engelsgleichen Transvestiten schön kitschig das Licht aus dem Jenseits als fragwürdige Tröstung der Massenkultur imaginiert.
Die grob zusammengezimmerte, zunächst sehr trist anmutende Haltestelle von Jo Dickreiter erscheint bei genauerer Betrachtung als Aufbruchsort in ein Traumland: An die Wände hat der Künstler feine Zeichnungen in Comic-Manier angebracht: Cowboys, Cops, schöne Mädchen. Und ein skurriles Graffito: "Vier Bier für Gandi". Ein merkwürdiger Gedanke schleicht sich ein: Was so eine Haltestelle alles zu erzählen hätte, könnte sie Gedanken lesen oder zeichnen.
Viel Malerei ist auch dabei, diesmal: Kantige abstrakte Formen in harmonischer Farbgebung, weibliche Gestalten, schemenhaft in klassischer Schönheit hingehaucht, realistische Landschaften in schwebenden Schwingungen. Doch die Malerei, das wohl am meisten abgegraste Feld der Kunst, hats schwer vor dem innovationsgierigen Blick des Betrachters. Manches Déjà-vu-Gefühl ist unausweichlich.
Klassisch muten zunächst auch die zerbrechlichen Puppen der Juliane Jüttner an, die schon seit einer hervorragenden Ausstellung der Kaiserring-Stipendiatin in Goslar im Gedächtnis haften. Bei genauer Sicht wirken sie künstlich, verletzlich, maskenhaft melancholisch: Eher befremdliche, sexualisierte Kunstwesen, gefallene Engel aus der Konsumwelt, als Menschenbilder.
Während die große WasserpumpAnlage mit fernöstlich anmutenden Schnitzereien von Andre Linpinsel eher durch handwerkliche Akkuratesse und Ausdauer beeindruckt denn durch einen bezwingenden Gesamteindruck, ist das "flohzentrische Planetarium" von Hartmut Stockter vielleicht das schönste der Spielwerke dieser Ausstellung. Ein winziger Floh im Zentrum eines filigranen Metall-Karussells. Umkreist von Dingen und Figuren aus seinem Leben. Der Künstler ein Floh, seine kleine Welt ein Universum von höchst zerbrechlicher Harmonie.
Bis 19.Januar, montags bis freitags 15 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr.













