"Ich habe die Zukunft erkannt"
Jean Michel Jarre spricht vor Braunschweig-Konzert über Pop, Rekorde und Wagner
Der Franzose Jean Michel Jarre zählt seit Beginn der 70er Jahre zu den Pionieren der elektronischen Popmusik. Alben wie "Oxygene" und "Equinox" verkauften sich millionenfach. Weltweit bekannt wurde Jarre auch durch aufwändige Freiluft-Shows an spektakulären Plätzen wie den Pyramiden von Gizeh, die teils mehrere Millionen Menschen verfolgten. Am Mittwoch, 3. März, startet er in der Braunschweiger VW-Halle seine Deutschland-Tournee. Florian Arnold sprach am Telefon mit dem 61-Jährigen.
Sie haben zu Beginn ihrer Karriere in einer normalen Rockband gespielt. Was hat sie bewogen, sich auf Synthesizer-Musik zu konzentrieren?
Ich habe erkannt, dass darin die Zukunft liegt. Heute setzen fast alle Musiker auch elektronische Mittel ein, Jazzer, Pop- und Rockmusiker, zeitgenössische Komponisten. Mir ging es darum, neue Wege zu gehen. Ich war besessen von der Idee, mit den neuen technischen Mitteln eine Brücke zu schlagen zwischen klassischer, experimenteller und Popmusik. Aber sehe mich schon als eine Art Rockmusiker.
Sie werden oft als Pionier, wenn nicht als Vater der elektronischen Popmusik bezeichnet zu Recht?
Es steht mir nicht an, das zu kommentieren. Ich und eine Handvol anderer Leute auch in Deutschland hatten das Privileg, zu einer Zeit zu beginnen, als elektronische Musik Neuland war, geschichtlich und technologisch. Es ist aufregend, unbelastet neue Türen aufstoßen zu können. Die Musiker heute schleppen ein großes Erbe mit sich herum. Die rasende Entwicklung der Technik und des Internets hat dazu geführt, dass es praktisch keine Grenzen des Machbaren mehr gibt. Aber wenn alles möglich ist, gibt es auch nichts besonders Aufregendes mehr. Vieles wird banal, und das tötet diese Spannung und Unschuld, mit der wir damals starten konnten.
Sie haben fast ausschließlich instrumentale Musik geschrieben und auf Gesang verzichtet. Warum?
Ein Song ist ein narratives Format, er erzählt eine Geschichte. Der Luxus meiner Musik wie auch der vieler klassischer Komponisten ist, dass sie breiter aufgestellt ist, dass sie Klanglandschaften erzeugt, die Bilder und Filme im Hörer auslösen. Es ist eine interaktive Musikform. Mit Licht und den Mitteln moderner Bühnentechnik kann ich noch Kontrapunkte setzen und bestimmte Gefühle hervorheben. Es geht um mehr als Filmchen, die man während eines Konzerts zeigt.
Dient der aufwändige Einsatz von Licht- und Tontechnik einem Konzept der Überwältigung? Es erinnert mich an die Idee des Gesamtkunstwerks, die Komponisten wie Wagner mit ihren Opern verfolgten, die mehr sein sollten als Musik.
Das ist interessant. Ich finde Wagner faszinierend, aber diesen deutschen Begriff kannte ich nicht. Den muss ich mir aufschreiben. Genau darum geht es mir. Ich war von Beginn an besessen von der Idee, mit den Mitteln meiner Generation, Elektronik, Licht, Video, etwas zu kreieren, dass die Zuhörer eintauchen lässt in eine absolute Kunstform.
Sie haben open air vor Hunderttausenden, manchmal Millionen von Menschen gespielt. Ging es Ihnen um das Guiness-Buch der Rekorde?
Nein, ich war nicht darauf aus, Rekorde zu erzielen. Ich bin eingeladen worden, diese Konzerte zu geben, und ich fand es interessant, dafür Konzepte zu entwickeln, die die herausragenden architektonischen und landschaftlichen Gegebenheiten mit einbezogen.
Sie treten relativ selten auf, und im Vergleich zu den gewaltigen Freilicht-Shows sind die Hallen, in denen Sie in Deutschland spielen, geradezu klein. Was hat Sie zu dieser Tournee bewogen?
Die Magie wird darin liegen, unser Gesamtkunstwerk in einem gut kontrollierbaren Raum gestalten zu können, ohne störende Einflüsse von Wind und Regen. Andererseits lassen wir Raum für Improvisationen, für das Unvorhersehbare. Mit drei anderen Musikern spiele ich live, es ist nicht alles vorprogrammiert, wie so oft bei elektronischen Konzerten.













