Mahler hell und festlich wie die Meistersinger
Alexander Joel und das Staatsorchester Braunschweig spielten die Erste Sinfonie auf CD ein
Eine Welt zerbricht. Noch vor dem Ersten Weltkrieg spürten Künstler das Endliche ihrer Epoche. Mit Wagners "Tristan"-Akkord und Nietzsches Toderklärung Gottes wurde der Dreieinigkeit des Guten, Wahren und Schönen der Boden unter den Füßen weggezogen.
Das Heil war nur noch vorstellbar "als ob", als spielerische Nachahmung Gottes und der Weltenharmonien. Thomas Mann hatte Gefallen an diesen sehr ernsten Spielen, die das Leben, vielleicht auch das Gemeinwesen retten konnten, weil sie im Relativieren und Ironisieren das vermisste und versehrte Glück doch wieder möglich machten.
Gustav Mahler könnte man als sein musikalisches Pendant ansehen. Seine Musik leugnet die Brüche, das Leiden, die Verstörung nicht, aber sie erlaubt sich im Zitat des Volkslieds, im fröhlichen Wandern und Naturatmen, im festlich strahlenden Choral die spielerische Bekräftigung der alten Ideale. Immer wieder überrannt, angefochten, verzerrt, aber doch klar erkennbar und aufleuchtend als Glücksmomente des einst Möglichen.
Das führt schon die erste Sinfonie exemplarisch vor, die aus leisem Frühlingserwachen mit lustigen Zitaten der Lieder des fahrenden Gesellen, mit Humperdinckschem Waldlichtungsweben, Jägerhornrufen, Ländler und Triumphfanfaren Natur beschwört und Naturdasein des Menschen.
Braunschweigs Staatsorchester hat für diese Musik eine lang geschulte Disposition. Jonas Alber hat hier als Generalmusikdirektor wiederholt Mahler als zerrissenes Genie interpretiert und eine packende Aufnahme der 3. Sinfonie geliefert.
Nachfolger Alexander Joel will sich gleichfalls besonders um Mahler kümmern. Seine Aufnahme der ersten Sinfonie scheint mehr dem Spielerischen, Schwelgerischen nachzuhängen. Höchst plastisch kitzelt er die volksfrohen Reminiszenzen hervor, wiegt sich mit Lust im Walzern des Scherzos. Hell klingt sein Mahler, festlich wie die Meistersinger.
Und die kleinen Dissonanzen, Störungen und Brüche werden, wo es flott wird, fast mit fortgerissen in der Begeisterung. Wenn Bruder Jakobs dunkler Kanon im dritten Satz abgelöst wird von slawisch kreiselnden, dann wieder sehnenden Melodien, dann herrscht da nicht Verzweiflung über das Unhaltbare, sich ständig Überlagernde und Verfremdende, sondern quasi Freude über immer wieder neue schöne Einfälle, die sich hier häufen und im friedlich aufscheinenden "Lindenbaum"-Zitat quasi organisch münden.
Das Staatsorchester spielt mit großer Delikatesse, detailverliebt und prägnant. Und für die Explosionen des vierten Satzes bringt Joel Leidenschaft und Energik mit. Anfeuernd treibt er die sich fragmentierende Sinfonie über alle Schnellen und versonnenen Pausen und Kuckucksrufe hin dem grandiosen Ende zu.
Der ironische Vorbehalt Mahlers, das "als ob" taucht da naturgemäß etwas ab im großen Rausch. Doch so wird es eine eigenständige Interpretation, ein Preis des musikantischen Spiels zur Überwindung der zerbrochenen Welt.













