Ein Glas Gurken für Tschechow
Beim Festival Theaterformen in Braunschweig kümmert sich Produktionsleiter Sven Heier um alles
Der Rasen des Braunschweiger Museumsparks ist weich, Spuren schwerer Reifen haben sich hineingegraben. "Wir haben für den Aufbau unseres Theaterzeltes extra einen Teleskop-Stapler besorgt", sagt Sven Heier. "Der kann seinen Arm ausfahren, da brauchen wir nicht so oft hin und her zu fahren wie mit einem Gabelstapler."
Fünf Tage vor der Eröffnung wirkt der Produktionsleiter des Festivals Theaterformen gelassen. Nur das Wetter macht ihm Sorgen. "Wir wollen im Park möglichst wenig ramponieren", sagt er. "Deshalb gibt es hier auch keine Bier- und Verpflegungsstände. Und wer zur Toilette muss, wird die zwei Minuten bis zum Großen Haus des Theaters laufen können."
Heier ist die Schnittstelle zwischen den auftretenden Gruppen, sowie der technischen und künstlerischen Leitung. Wer reist wann an? Wer wohnt wo? Wer probt wann? Wer braucht welche Requisiten?
Heier kümmert sich. Das ist manchmal schwierig, etwa wenn der Südafrikaner Brett Bailey für seine makabre postkolonialistische Freak-Show "Exhibit A" einen altmodischen, schweren Rahmen braucht, an dem man Metallschilder anbringen kann. "Da forschen wir derzeit bei Museen. Zur Not bauen wir selber einen." Oder wenn der Performer Boyzie Cekwana eine Schaukel braucht. "Die kann im Zelt nicht wie im Theater von der Decke baumeln. Die muss an einem soliden Gestell in die Erde gerammt werden wie auf einem Kinderspielplatz."
Manchmal ist das mit den Requisiten aber auch ganz einfach: "Für die Jürgen-Gosch-Inszenierung von Tschechows ,Möwe sollen wir ein Glas Gurken besorgen."
Und wo? Bei Aldi? Oder müssen das russische Gurken sein? Oder Gurken im historischen Glase?
Heier zögert, schaut einen Moment nachdenklich, dann sagt er grinsend: "Nee. Ganz normale Gurken. Jedenfalls haben wir keine andere Order. Man weiß ja nicht, was noch kommt."
Heier dreht sich eine Zigarette, doch die wird nicht fertig. Dauernd klingelt das Handy, kommen Handwerker mit Fachfragen. Um abends abschalten zu können, spielt er mit seiner dreijährigen Tochter. Die hat er gemeinsam mit seiner Frau, der Festival-Leiterin Anja Dirks.
Produktionsleiter ist kein Ausbildungs-Beruf. Heier schlidderte eher zufällig hinein. Hatte eigentlich Sport studiert. Dann aber in Köln über Bekannte zum Job des Projektmanagers einer großen Design-Ausstellung gefunden. Beim Festival "Theater der Welt" 2002 in Duisburg half er dem Leiter beim Projekt "x Wohnungen" "Der wollte Theater in Privatwohnungen machen. Da Duisburg meine Heimatstadt ist, besorgte ich ihm Wohnungen und organisierte das Projekt."
Das Festival-Zentrum wird bei den Braunschweiger Theaterformen auf dem Gelände der Staatstheater-Werkstätten angesiedelt. Dort steht bereits eine Bühne für Konzerte, dort wird es auch Bierbuden und Verpflegungs-Stände geben.
Daneben steht das seit zwei Jahren unbewohnte Gartenhaus Haeckel. Dort sollen die Premierenfeiern stattfinden, im Garten auch geselliges Leben. Das Haus mit seinem pittoresken Wintergarten ist eine Entdeckung. Frisch gestrichen, aber nostalgisch möbliert aus dem Theaterfundus, strahlt es den morbiden Charme eines tschechowschen Landhauses aus. Darin werden auch Aldi-Gurken schmecken wie bei Onkel Wanja!













