Theater kann das Verschwiegene sagen
Elf Stipendiaten aus aller Welt begleiten das Braunschweiger Festival Vom Fortwirken des Kolonialismus
Das passiert einem Berichterstatter auch nicht alle Tage. Da tapst man in eine heftige Diskussion von jungen Leuten aus aller Welt und plötzlich fragt einen der charismatische Afrikaner vorn am Pult mit dem exotischen weißen Gewand, was denn Angela Merkel für den Ausgleich zwischen den Welten tun könne.
Ja Himmel, was denn schon?! Es ist heiß im Festival-Zentrum der Theaterformen Braunschweig. Der Afrikaner insistiert. Er will das jetzt mal wissen.
Zum Glück fallen jetzt andere Diskutanten ein. Es sind Stipendiaten aus aller Welt, von Brasilien bis Australien, von Lettland bis Afrika. Junge Theatermacher und Künstler, die sich beim Festival umsehen, Anregungen für ihre eigene Arbeit suchen und: diskutieren, diskutieren, diskutieren. An diesem Mittag zum Beispiel mit dem Choreographen, Schauspieler und Universitätsprofessor Asser al-Sheik aus dem Sudan.
Afrikas Wunden
Die elf Stipendiaten, die von der Bundeskulturstiftung unterstützt auf Kosten des Festivals hierher kamen, sind ausgewählt von Partnern in den jeweiligen Ländern, etwa den Goethe-Instituten oder den am Festival beteiligten Künstlern.
Alle kommen aus Ländern, die mehr oder weniger betroffen sind vom Kolonialismus und seinen Folgen. Solch ein Problem hier in Deutschland ins Zentrum eines Kulturfestivals zu stellen, finden sie unbedingt notwendig auch für sich selbst.
"Bei uns im Kongo ist die Berichterstattung der Medien nicht von der Wahrheit bestimmt, sondern von politischen Interessen", sagt Mbwil Papy. "Das Theater kann all die Dinge sagen, die dort verschwiegen werden, und das mit einer emotionalen Wucht, welche den medial abgestumpften Zuschauern unter die Haut geht."
Belasse Aboussoubye aus Togo nennt mit ernster Miene den Kolonialismus politisch und kulturell einen "großen Verlust für die Menschheit". Dass er eine vergangene Epoche sei, lässt Belasse nicht gelten. "Der wirkt weiter." Und er stellt eine düstere Frage: "Muss Afrika in dieser Position bleiben, damit Europa so bleiben kann, wie es ist?"
Dieses Phänomen, das machen alle Stipendiaten klar, ist noch nicht Vergangenheit, es schwärt in den einst unterdrückten Gesellschaften. Deshalb waren sie auch sehr überwältigt von der Performance "Exhibit A" im Rebenpark. "Denn da wird diese Epoche noch einmal unheimliche Gegenwart."
Europas Desinteresse
Judge Haminder, Engländer mit indischen Wurzeln, bemängelt, dass die Performance zunächst nur wenig beachtet wurde und ein großes Interesse erst entstand, als die Kritik in der Zeitung erschienen war. "Die Europäer müssen sich dafür interessieren", sagt er eindringlich, "wenn nicht, machen sie einen gefährlichen Fehler!"













