Braunschweigs Gedächtnis
Dr. Richard Moderhack ist mit 102 Jahren gestorben Er war ein herausragender Erforscher der Stadtgeschichte
"Melden Sie sich doch in vier Wochen wieder. Ich packe gerade, bin auf dem Sprung nach Venedig. Zu einer Schiffsreise," hastete er munter ins Telefon. Da war er 90 oder 91 Jahre alt, und der Gedanke kam: Wenn einer in dem Alter noch so unternehmungslustig ist, dann kann man ja mit Freude 100 Jahre alt werden. Dr. Richard Moderhack wurde 100. Das war 2007, als er im Städtischen Museum Braunschweig den Beifall für seine grandiose forscherische Lebensleistung entgegennahm. Vor wenigen Tagen, am 14. Juli, ist er im Alter von fast 103 Jahren in Braunschweig gestorben.
Nun verteilen Historiker über ihre Kollegen ja nur selten Lob ohne ein kleines Aber. In diesem Fall ist das anders. Die Anerkennung ist uneingeschränkt. Henning Steinführer, der heutige Chef des Stadtarchivs, lobt seinen Vorgänger Moderhack: "Er hat die regionale Geschichtsforschung ganz entscheidend geprägt."
Gerd Spies, der ehemalige Chef des Städtischen Museums und Verfasser herausragender Werke, ging da schon 1997 in seinem Urteil etwas weiter und bezeichnete Moderhack als den "bedeutendsten Braunschweiger Historiker in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts".
Sagen wir es noch präziser: Moderhack war im 20. Jahrhundert neben Karl Steinacker und Paul Jonas Meier der wohl wichtigste Erforscher braunschweigischer Geschichte. Er war eine Instanz.
Das "Ick" kam ihm immer noch gelegentlich über die Lippen. Klar: Moderhack wurde am 14. Oktober 1907 in Berlin geboren, hat noch die kaiserliche Garde "Unter den Linden" marschieren sehen und die ersten Doppeldecker am Himmel über dem Tiergarten bejubelt. Innerlich blieb er Berliner, obwohl er nach dem Studium von Geschichte, Germanistik, Anglistik, Philosophie und dem Dienst in der Wehrmacht bereits am 1. November 1945 in Braunschweig im Stadtarchiv seine Arbeit aufnahm.
Was Moderhack, der auch die Bibliotheken leitete, in 60 Jahren für diese Stadt geleistet hat, ist großartig. Unter den etwa 180 Veröffentlichungen ragt vor allem die "Braunschweiger Stadtgeschichte" heraus. Sie galt 1985 als einer der Glanzpunkte der Ausstellung "Stadt im Wandel". Da war Moderhack immerhin schon 15 Jahre in Pension (seit 1970)! Diese Arbeit kam 1997 weiter fortgeschrieben als eigenständiges Buch heraus und gilt seitdem unangefochten als "das" maßgebende Werk.
Die Historie einer Stadt über ein Jahrtausend hinweg korrekt und unantastbar zu komprimieren, zu gewichten, das ist eine intellektuelle Leistung höchsten Formats. Moderhack bot niemals selbstgefällig Zahlenhaufen an, sondern er verwandelte dürre Fakten in Lebendigkeit.
Eine solche Fülle von Stoff auch noch für eine breite Leserschaft genießbar anzubieten ist hohe Kunst. Beides gelang Moderhack, der obendrein manche mutige Kritik (wie am "Häusermord" der Nachkriegszeit) in seine Texte einwebte.
Auch Moderhacks "Judaica" von 1966 setzt Maßstäbe. Das Ziel war, das Schicksal jedes jüdischen Bürgers dieser Stadt festzuhalten. Eine ungeheuere Aufgabe! Er hat es dabei sogar verstanden, die Gunst der Exilanten in den USA zu gewinnen.
Zum Beispiel die von Dr. Walter Heinemann, einem früheren Braunschweiger Arzt, dem der neue Kontakt zur so grausam entrissenen Heimat aufrüttelnde, berührende Sätze entlockte: "Ich sitze in New York, vor mir im Bücherregal der Braunschweiger Löwe, dahinter Goethe, Goethe, Goethe." Und später in einem Brief: "Ich träume in Manhattan von Braunschweig, rieche den Duft der krummen Gassen . . ."
Moderhack wo soll man aufhören? Eine seiner letzten Aufgaben gemeinsam mit unserer Zeitung war 2005 die Herausgabe des BZ-Editions-Bandes "Besucher im alten Braunschweig". Diese Sammlung bündelt, was berühmte Menschen in rund 1000 Jahren über diese Stadt geschrieben oder gesagt haben.
Ein tolles, lesenswertes Buch von einem großen Wissenschaftler, dem Braunschweig viel verdankt.













