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01. August 2010
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Verklemmte Libido

Drewermann über "Schneeweißchen und Rosenrot"

Von Alexander Huber

Hier steht einer, dem Texte Anlass zur Verwandlung sind. Seine Sprache ist wie eine Predigt. Scharf wird die Zunge, wenn es gegen die seelischen Verwüstungen des Kapitalismus, die Sexualfeindlichkeit des Katholizismus geht. Dann aber zeigt er, gütig, was viele auf dem Weg vom Kind zum Erwachsenen vergessen haben. Anderthalb Stunden freie Rede – und seine Deutung eines unscheinbaren Märchens wird zum Entwurf einer Welt.

Der Theologe, Psychoanalytiker und Kirchenkritiker Eugen Drewermann sprach im Rahmen der "Märchen"-Ringvorlesung in der TU Braunschweig über "Schneeweißchen und Rosenrot", nicht als Professor, vielmehr als Mensch. Der Text sei ein typisches Kunstmärchen, eine Erfindung Wilhelm Grimms, und er enthalte eine konzentrierte Pädagogik. Ein Märchen ist nicht nur ein Märchen. Darauf muss man sich einlassen. Fast 500 Interessierte brachten den Hörsaal an die Grenze des Belastbaren.

"Wie eine ganze Welt sich ändern muss, damit unsere Kinder Menschen blieben." Der Konjunktiv ist bewusst gesetzt. Drewermann spricht von dem, was nicht ist, aber sein sollte. Gibt es eine Entwicklung, die nicht vorangepeitscht wird durch dauernden Konflikt und Kampf? Es kann sie geben, aber, vorerst, nur im Märchen. Die beiden Schwestern leben trotz ihrer Gegensätzlichkeit in ungetrübter Harmonie: "was das eine hat, soll’s mit dem andren teilen." Gemeint sei damit nicht das Gegenüber zweier Menschen, Grimm zeige vielmehr "zwei Gestalten in ein und derselben Seele". Und seine Frage laute: "Wie wird man vom Mädchen zur Frau, vom Kind zum Erwachsenen?"

Es klopft, ein Bär, man lässt ihn ein, "das Männliche in abscheulicher, verwunschener Gestalt". Das sei der erste Schritt zur Integration des Ungeheuerlichen, der Sinnlichkeit. Die Schwestern hätten ihn auch draußen lassen können, freilich um den Preis der eigenen Frigidität. Hier aber werde die Angst vor dem Trieb spielerisch reguliert. Die Mädchen kraulen zärtlich das Bärenfell, denn die weise Mutter führt sie: "Der Bär tut euch nichts".

Weil Entwicklung dialektisch verläuft, muss der Bär vorerst gehen, und die Schwestern begegnen dem entstellten Sexus in Gestalt eines Zwerges, der, so Drewermann, sich "ständig in Verklemmtheiten" befinde. Einmal steckt der Bart in einem Holzscheit, dann ist er in einer Angelschnur verwickelt und wird fast von einem Fisch in die Tiefe gezogen, zuletzt findet er sich in den Fängen eines Adlers. Mit Humor werde der Dämon des Kinder-Ichs vermenschlicht. Die Mädchen verabschieden sich von "nicht integrierten Triebwünschen" und einer "bodenlosen Geistigkeit".

Zuletzt wird aus der dämonisierten Libido die Harmonie der Liebe. Im Bär steckt ein Königssohn, der den Zwerg erschlägt und Schneeweißchen heiratet. Rosenrot bekommt seinen Bruder, den Grimm kurz vor Schluss noch aus dem Hut zieht. Was kein Deutschlehrer durchgehen ließe, werde hier, so Drewermann, zum Versprechen einer erneuerten Harmonie von Geist und Trieb, von Sinnlichkeit und Reinheit – idealerweise nicht nur im Märchen. "Der Bart ist ab." Und die Rosenbäumchen tragen rote und weiße Blüten am selben Stock.

Samstag, 26.04.2003
Quelle: http://www.newsclick.de/index.jsp/artid/1526760/menuid/2184

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