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13. Februar 2012
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Welch ein Lärm! Werch ein Leim!

Lang, laut, paradox: "Die Ärzte" in der ausverkauften Braunschweiger VW-Halle

Von Harald Likus

"Du warst mit ihm essen, natürlich im ,Ritz’, bei mir gab’s nur Currywurst mit Pommes Frites."

Welch ein Reim! Oder besser: Werch ein Leim! Denn wenn eine Band so wunder- und so furchtbar, jedenfalls so pausenlos mit Worten spielt wie "Die Ärzte", dann kann man ja mal wieder an Ernst Jandls Mahnung denken, wie leicht R und L und besonders lechts und rinks velwechsert sind. Zumal ja die eingangs zitierten Zeilen des immerzährenden ärztlichen Liebeskummer-Hits "Zu spät" ohnehin nicht ohne Linksrechts-Geschmäckle sind: Im Ritz, das hieß doch damals: bei den anderen. Und heute? Tummeln sich die Ärzte selbst im Wellness-Bereich des Wolfsburger Ritz-Carlton-Hotels, um möglichst well und schnell in Braunschweig einzuschweben, wo eine restlos ausverkaufte Volkswagen-Halle darauf brennt, den drei Rockstars aus Berlin zu huldigen.

Ob wir jetzt moralisch werden? Iwo. Werch ein Leim, wie gesagt, sie haben noch alle auf selbigen geführt, die fröhlichen Paradox-Punker. Haben stets die üblichen Rock-Fans auf den Arm genommen – und brettern jetzt los, dass einem fast das Hören vergeht. Haben stets politisches Parolentum karikiert – und versenden neuerdings in aller Unschuld eine Variante des kategorischen Imperativs: "Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt." Und haben zuletzt auch manch klugen Interpreten schon enttäuscht: Ob nicht Nietzsches Gedanke von der ewigen Wiederkehr des Gleichen in manchen ihrer Lieder zum Ausdruck komme, wollte etwa ein Herr vom FAZ-Feuilleton wissen. Darauf Farin Urlaub: "So Gedanken machen wir uns nicht."

Jawohl, eine dreifach lärmende Leimspur sind Gitarrist Farin, Trommler Bela B. und Bassist Rodrigo Gonzales, und natürlich war auch das Braunschweig-Konzert entsetzlich und entzückend. Die gerne ins infantil Zotige tendierenden Sprüche, der vor allem in neuen Liedern wie "Die klügsten Männer der Welt" ödende, arg pauschale Hardrock – das machte wenig Spaß, das rief lange Zeit auch wenig Begeisterung hervor im mehrheitlich, aber bei weitem nicht durchgehend jungen Publikum. Bis es dann doch noch klappte mit der ärztlichen Überzeugungsarbeit. In wildem Grimme trieb Bela Nummern wie "Alleine in der Nacht" oder "Ist das alles?" bis zum Äußersten, fies charmant wie eh und je zirpte Farin seine herrlichen Grace-Kelly- und Buddy-Holly-Liebeslieder ins Mikro. Er hat nun mal solch gottvoll schräge Phantasien – etwa die, wie friedlich, fußballfrei und freudenvoll die Welt doch wäre, wenn das Geschlechterverhältnis anders sortiert wäre: "Wenn alle Männer Mädchen wär’n, wär’s paradiesisch hier...Ich mein’ natürlich: alle außer mir."

Viel Talent und reichlich Spontaneität machten auch den Teil zum Vergnügen, der aus der – unverstärkten – "Rock’n’Roll-Realschule" in die Riesenhalle übertragen wurde. Das Schrummelspaß-Liedchen "Monsterparty" entschädigte mindestens für drei Bemerkungen über Braunschweig im Allgemeinen und Geschlechtsorgane im Besonderen. Einen Jux wollen sie sich machen. Als Botschafter des Unangepassten, als Liebhaber schneller Musik. Als Mädchenschwarm, als Schicklichkeits-Verletzer. Als Popstars, als Antifaschisten, als Punkverräter.

Mitzuerleben, wie sie sich fast verheben in all diesen Rollen und dann plötzlich doch wieder glanzvoll abräumen, gehört auch nach zwanzig "Ärzte"-Jahren zu den spritzigsten, erfreulichsten Rockkonzert-Erfahrungen überhaupt. Und die Zeile mit dem "Ritz"? Wenn’s im drangsalierten Gehörgang keinen Aussetzer gab bei der endlos ausgekosteten, enthusiastisch gefeierten "Zu spät"-Zugabe nach Mitternacht, dann hat Farin die abgewandelt. Irgendwie.

Donnerstag, 18.12.2003
Quelle: http://www.newsclick.de/index.jsp/artid/2327797/menuid/2184

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