Romeo und Julia, Knax und Knux, Mort und Tod
35. Braunschweiger Schultheaterwoche: Klassisches, Krimis, Kurioses, Märchen, Makabres und ein Gastspiel aus Polen
"Pantalones Hochzeit": In der selbstverfassten Commedia dellarte sendet der reiche Florentiner Pantalone seinen Neffen Ottavio nach Venedig, um die liebreizende Julia zur Hochzeit nach Florenz zu entführen. Bevor es dazu kommen kann, verliebt sich Ottavio in Julia, und beide werden vermählt. Pantalones Betrug fliegt auf. Stets halten die drei Gefährten Ottavios und die drei Zofen Julias die Fäden in der Hand und lenken die Geschicke.
Die Darsteller diskutieren über den Verlauf der Geschichte und thematisieren das Spiel im Theater. Höfische Kostümierung und altertümliche Sprache werden gebrochen durch rockige Musikeinlagen. Pantalone zum Beispiel ist "von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt", und die Zofen möchten "einen Mann, der küssen kann". Hierbei hätten der Verzicht auf Playback und konsequente Choreographie Sicherheit in der Bewegung gebracht. Während die scharfkantige Stiefmutter laute Töne anschlägt, Brighella besoffen noch entzückend klingt, sind andere kaum zu verstehen. Am Ende erbaut sich das jugendliche Publikum an dem Song "Lasst uns schmutzig Liebe machen".
"Der kleine Rabe": In dem selbstverfassten Märchen helfen das Nilpferd Siegfried und der Esel Muli dem ausgesetzten kleinen Raben, seinen Vater zu finden, der vom Zauberer in einen Fisch verwandelt und im Fluss ausgesetzt wurde.
Die vorher mit dem Publikum geübten Strophen vom Nilpferd, das auf dem Fluss treibt und von einem Kuss träumt, werden immer wieder angestimmt und begeistert mitgeschmettert. Auch bei der Taufe des kleinen Raben werden die zuschauenden Kinder einbezogen, indem sie den Namen aussuchen und mithelfen dürfen, als der Vaterrabe per Angel aus dem Fluss geholt wird.
Die Handpuppen in Kuscheltierformat tauchten manchmal kaum hinter der
Dekoration der ein wenig winzig geratenen Bühne hervor, ihre Spieler verliehen
ihnen jedoch gut verständliche Stimmen. Der Lehrer schafft zwar durch seine
Kommentare die Verbindung zwischen Zuschauern und Bühnengeschehen, aber während
dessen lenkt seine Person in ihrer Präsenz auch ab. Die Kinder werden vor allem
durchs Mitmachen in Bann gezogen.
Magdalena Fliegner/Maike Paffrath
"Die im Schatten stehen": "Wumm!" Spätestens als die beiden kleinen Jungen vom Laster überfahren werden, bleibt im Zuschauerhals das Lachen stecken. Die Mütter haben ihre Kinder beim Lästern über das neue Dienstmädchen vergessen: "Also manchmal frag ich mich wirklich, was sie sich dabei denkt. Sie ist eben doch keine richtige naja, Sie wissen schon." Das Mädchen aus dem anderen Kulturkreis steht direkt neben ihr.
Die genauen Beobachtungen erschreckender alltäglicher Verhaltensweisen werden hier in einer überzogenen Darstellung verdichtet. Die 12- bis 21-jährigen Akteure aus Sickte haben alle zwölf Szenen selbst geschrieben: Es geht um Toleranz, den Umgang mit dem Anderssein.
Die berührende Grauzone aus witziger Rassismus-Satire und poetischem
Alien-Spektakel ist liebevoll und aufwendig gestaltet von den Szenenübergängen
mit poetischer Schwarzlichtpantomime über die Tanz- und Musikeinlagen bis zum
Programmheft. In der Vielfalt der Darstellungsformen fällt vor allem der
originelle Einsatz von authentisch wirkender Umgangssprache, Geheimsprache und
überkandideltem Geflöte auf.
Constanze Schmidt
"Mort und Tod": Eine quer über die Bühne fliegende Schaufel, ein wütender Mort, Beethovens 5. Sinfonie das Publikum jubelt.
So spritzig, kess und impulsiv wie das Stück beginnt, begeistern die Schüler
der IGS Querum das ganze Stück über die Zuschauer. Es geht um den Jungen
Mortimer (Mort), der vom Tod persönlich als sein Geselle eingestellt wird. Mort
soll Töten lernen, versucht aber, das schicksalhafte Sterben anderer
aufzuhalten. Angesichts der überzeugenden Spielleistung ist es schade, dass das
Ende durch eine offensichtliche Kürzung abrupt erscheint. Für sehr passend
halten wir den Wechsel von eingefrorenen Standbildern und Handlungssequenzen, in
denen Morts Erfahrungen mit dem Tod erscheinen. Auch in den Tanz- und
Schwarzlichtszenen kommt individuelle Kreativität und starke Gruppendynamik zum
Ausdruck.
Janina Gassen/Nicole Thaler
"Die Welle": Stärke durch Disziplin, Stärke durch Gemeinschaft! Diese Parole verkörperte die Gemeinschaft der Welle, die sich aus einer experimentellen Unterrichtseinheit zum Nationalsozialismus entwickelte. Nachdem die Welle bald die gesamte Schule beherrschte, geriet sie außer Kontrolle und wurde abgebrochen. Die Schüler bekamen damit ihre Frage beantwortet, ob es heute noch möglich sei, eine Gruppendynamik wie im Nationalsozialismus herzustellen.
Die Theater-AG des Theodor-Heuss-Gymnasiums aus Wolfsburg überzeugte durch
klare Figuren und verständliche Sprache. Ein ständig fallender Vorhang zum Umbau
des Bühnenbildes zerstückelte die Handlung und verleitete das Publikum zu ewiger
Unruhe. Darunter litt auch die Energie der Spielenden, wodurch sie ihre
Sicherheit und Natürlichkeit verloren. Trotz harter Kost des Themas lief das
Publikum unbeschwert in den Schnee.
Christian Seyfried/Sebastian Schrader
"Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar ..." ...so saß das Publikum für 20 Sekunden mit geschlossenen Augen im Schwarzlicht, bis die Reise des kleinen Prinzen begann. Die Theater-AG aus Rosdorf präsentierte mit vielfältigem Medieneinsatz die Begegnung zwischen einem abgestürzten Piloten und dem kleinen Prinzen, der ihm von seiner Entdeckungsreise berichtet. Der kleine Prinz erzählt von den für ihn unverständlichen Erwachsenen, die den offenen Kinderblick verloren haben.
Die Spielenden begeisterten mit verständlicher Sprache, mit einheitlichen
Gruppenbildern. Doch durch zu viel und zu langen Einsatz der verwendeten Medien
wurde den Kindern Energie geraubt. Auf der Bühne herrschte keine Spannung. So
wurden zum Beispiel die Gedanken des Piloten aus dem Off vermittelt, seine Reise
und Gefühle durch wiederkehrende Filme symbolisiert, mit atmosphärischer Musik
untermalt und mit Dias Orte veranschaulicht. Als süßen Abschluss bot die Gruppe
ein gemeinsames Lied.
Simone Lüdi/Sina Klausberger
"Acht Frauen" : Ein seidener Handschuh gleitet gekonnt über ein aufreizendes Dessous. Ein entblößtes Bein umspielt sinnlich die Treppenstufen. Mit mutigen Details gaben die Darstellerinnen der Gesamtschule Bad Lauterberg einen gelungenen Einblick in ihr reiches Schauspielrepertoire. Diese richtig platzierten erotischen Anspielungen waren offensichtlich zu viel für einige unreife Jungs. Das von der Theater-AG des 11. und 12. Jahrgangs in Eigenregie entwickelte Stück zeigt wie im Film die Begegnung von acht Frauen. Es ereignet sich ein Mord. Das Opfer: der einzige Mann. Während der komplizierten Aufklärung des Falles enthüllen sich düstere Seiten.
Die 1:1-Übertragung aus dem Film fällt wegen der ausgefeilten Charaktere und des hervorragenden Zusammenspiels nicht negativ ins Gewicht. Janina Gassen/Britta Bartling
"Romeo und Julia": Eingefrorene Tänzer bringen die Zeit zum Stillstand, als Romeo seiner Julia zum ersten Mal begegnet. Die Spieler aus Göttingen überzeugten mit solchen Höhepunkten bei ihrer Inszenierung der Shakespeare-Tragödie. Mit minimalen Mitteln veranschaulichten die Schüler die Fehde der Familien.
Jedoch fiel es an manchen Stellen nicht leicht, dem Shakespeare-Text zu
folgen. Vor dem undisziplinierten Publikum agierten die Darsteller erstaunlich
souverän. Durch Artikulation und Körpersprache wirkte das Szenenspiel sehr
sensibel, wurde aber durch Umbaupausen unterbrochen. Ein ausgesprochen
gelungener Anblick waren die bewusst eingesetzten Kostümfarben, die die
Geschichte untermalten und so die Zuschauer durch das Stück
leiteten.
Christian Seyfried/Sebastian Schrader
"Die Welle": Tänzelnde Träume werden verdrängt von aggressiven Alpträumen. Unter ihnen schlummert Robert, der Taugenichts, der von seinen Mitschülern gehänselt und nicht einmal von seiner Mutter akzeptiert wird. Das Ratsgymnasium Wolfsburg zeigte in einer eigenen Version der "Welle", wie aus dem Außenseiter ein Anführer wird.
Allerdings verläuft das Disziplinierungs- und Gleichschaltungsprojekt seines
autoritären Lehrers Ben Ross nicht ohne Opfer. Die Ausmaße werden immer
verheerender und zeigen faschistische Tendenzen. Die sich hochschaukelnden
Konsequenzen machten die Wolfsburger Schüler erschreckend nachvollziehbar. Dabei
glänzten einige besonders durch ihre Körpersprache und ihre Verschmelzung mit
der Rolle. Die Heraushebung von Protagonisten nagte die Gruppendynamik etwas an.
Gruppenszenen im Klassenzimmer waren authentisch und bestätigten neben den
schauspielerischen Leistungen auch mit Kleidung und Musik die Nähe zum Alltag.
Viele Umbaupausen störten allerdings den Ablauf.
Christian Seyfried/Sebastian
Schrader
"Hexe Backa Racka": "Hexorali metaphoru!" schon kann sich ein armes Mädchen an Wurst satt essen. Die Hexe Backa Racka ist allerdings ein bisschen tüddelig und wird bei ihren guten Taten unterstützt von den Raben Knax und Knux und einem enthusiastischen Chor.
Die Textsicherheit der Drittklässler aus Adenbüttel ist beeindruckend. Leider
beeinträchtigt die etwas aufgesetzt wirkende Sprache oft ein intensiveres
Zusammenspiel zwischen den Schülern und nicht alle Witze erreichen das
Publikum so erfolgreich wie der Hexenbesen als "Stilrakete mit Düsenantrieb".
Gelungen ist dagegen der Wechsel der Darsteller: Verschiedene Kinder verleihen
in den witzigen Federkostümen den Raben Charaktere von frech bis
anschmiegsam.
Constanze Schmidt
"Verschollen": Eine Radiodurchsage ins Publikum: Ein deutsches Flugzeug ist über Neuseeland verschollen. Zu hören ist lautes Motorkrachen, eine Bruchlandung. Die hungrigen, verzweifelten und verletzten Überlebenden treffen auf Eingeborene. Anfänglicher Schreck und Distanz lassen bald nach, Sprachen werden erlernt, Freundschaften geknüpft und Flirts entfacht. Als nach drei Jahren ein Rettungsteam die einsame Insel findet, wollen die Kinder gar nicht mehr zurück.
Von der Decke herabhängend repräsentieren bunte Bänder den Dschungel, werden aber wenig bespielt. Formal interessante Momente flackern auf, als die zwei verfeindeten Parteien sich gegenüber stehen und schließlich in einer Umarmung zueinander bekennen. Zuweilen wirkt das Spiel leicht unkoordiniert. Der rhythmische Einsatz von Stöcken schafft ein Moment der Spannung, charakterisiert die Kultur der Eingeborenen. Mehr davon! Vom Spaß an der Sache zeugen die phantasievollen Kostüme und die Einsatzbereitschaft der Kinder.
"Der gemeinsame Hof": Wir befinden uns in einer Arena: Zuschauer rundherum, in der Mitte ein Stapel Papier, um den im Pulk 18 schwarz gekleidete Darsteller hocken. Sie erwachen, nehmen die anderen wahr, tasten, erfühlen, entdecken und nähern sich einander. Plötzlich stehen sich zwei Fronten gegenüber, dazwischen eine bewachte Grenze. Papierschiffchen, -flieger und -blumen transportieren freundschaftliche Gefühle. Als sich die Fronten verhärten, wird geknülltes Papier zum todbringenden Geschoss. Zaghaft helfen sich beide Seiten auf, um in der Mitte wieder eins zu werden.
Die Inszenierung setzt beeindruckende Zeichen. Sie zeigt Schultheater, das
Grenzen niederreißen kann, ohne Sprache, nur durch konzentrierte Bewegung aus
der Gruppe heraus. Bei atmosphärischer Musik und Beleuchtung entfalten sich
einfache Klänge und choreographische Bewegungen zu symbolhaften Bildern der
gemeinsamen polnisch-deutschen Geschichte. Ohne Klischees wird die Versöhnung
beider Nationen zum Baustein der Europäischen Vereinigung. Die Klasse des
Breslauer Lyzeums am Agnieszka-Osiecka-Schulzentrum bietet eine reife
Ensembleleistung, die mit einfachen sinnlichen Mitteln und Impulsen fasziniert
und zum Nachdenken über die polnisch-deutsche Zukunft anregt.
Magdalena
Fliegner/Maike Paffrath
"Bombenwetter, das Kopftuch hält " Nicht nur für Lessing war das Thema Toleranz heißer Diskussionsstoff. Die Schüler des 13. Jahrgangs des Theodor-Heuss-Gymnasiums zeigten in ihrem selbstverfassten Stück auf eindrucksvolle Weise, mit vielen Ideen und intelligentem Witz, wie in unserer Welt mit dem Thema Toleranz umgegangen wird.
Ein Klassenzimmer: das Ensemble nähert sich dem Thema aus der eigenen Erfahrungswelt heraus. Die Schüler treten grell geschminkt in Uniform, mit Ranzen und Kreidetäfelchen auf. Die Spielchen um Toleranz innerhalb einer Klassengemeinschaft fließen in die Szenen mit ein. Der Eine und die Anderen und doch ist es eine Gemeinschaft. Lessing himself betritt gelassen die Bühne und beginnt sogleich, die berühmte Ringparabel zum Besten zu geben, die als Plädoyer für Toleranz und Solidarität schlechthin gilt.
Die folgenden Szenen zeigen, dass Hohmann, Bush & Co. sich in Sachen Toleranz von Lessing noch mal eine Scheibe abschneiden könnten. Geschickt werden die jüngere Vergangenheit sowie brandaktuelle Kontroversen aufgegriffen und szenisch mit Lessings Auffassung zu Toleranz und Humanität konfrontiert. Das Problem wird in den vielen Szenen über Antisemitismus, Rassismus und Patriotismus deutlich: Das Ideal von sich versöhnenden Weltreligionen gibt es nur bei Lessing. Die gelungene Szenen-Collage macht deutlich, dass Toleranz ein Thema ist, welches diskutiert werden will und muss. Nina Wagner
"Auf hoher See": Ist das Leben einer Vollwaise lebenswerter als das zweier Beamtentöchter? Seit 20 Tagen treiben vier Frauen auf ihrem Floß durchs Meer, gequält von unerträglichem Hunger. Im Streit darüber, welche von ihnen den anderen als Nahrung dienen soll, werden sämtliche Lebensumstände auf ihren Wert hin verglichen.
Die zwei Schwestern führen ihre Familie an, die ohne sie nicht auskommen
würde, die Waise hält sich für bemitleidenswert und wegen ihrer Würmer im
Fleisch für ungenießbar. Die Blondine betont, dass an ihrem Körper kaum etwas
Nahrhaftes dran sei. Auf eine absurd-komische Weise erspielte die Theater-AG der
Realschule Georg-Eckert-Straße das Stück von Slawomir Mrozek. Trotz der
amüsanten Absurdität und dem Spaß am Spiel gelang es nicht ganz, das Publikum zu
fesseln. Die Dialoge wirkten aufgesetzt. Insgesamt wurde mehr gesagt als
gespielt. So wird auch der Grund für den Stimmungsumschwung der letztlich
opferbereiten Schwestern nicht ganz klar.
Anne Liebschner/Elisabeth
Müller-Panknin













