Witze, die man nur Stars verzeiht
Harald Schmidt unterhielt die Fans in der Braunschweiger Stadthalle Überraschungsgast Kaya Yanar
Natürlich hat doch wieder einer mitgeschrieben. Pointenjäger. Einige Witze waren freilich so politisch inkorrekt, dass man sie nicht leicht zitieren kann. Aber schon den zum Potsdamer Platz: Als ob Ceaucescus vor der Erschießung noch mal zu Geld gekommen wären.
Mit viel Schwung, langer grauer Mähne und oft heftig aufdrehendem Ton stellte sich Harald Schmidt Sonntagabend in der ausverkauften Braunschweiger Stadthalle seinen Fans. Die ihn mit überschwänglichem Applaus begrüßten. Mit aktuellen Gags über die nicht so übermäßigen Erfolge der deutschen Olympia-Mannschaft fachte er die Stimmung weiter an. Reporter, die die abgehetzten Sportler inquisitorisch über ihre Nicht-Platzierung befragen, bekamen genauso ihr Fett weg wie die Olympioniken selbst: typische Vertreter einer Gesellschaft, die nicht mehr auf Leistung setzt.
Wie immer durchsetzte Schmidt seine Show mit selbstironischen Bemerkungen. Die anderen Gastspielorte madig zu machen, funktioniere immer. Tat es. Minimalanbiederungen an die gerade aktuelle Stadt brächten Sympathie. Brachten sie. Um halb neun befand er auf dem Höhepunkt der Stimmung: "So lange wollte ich mich heute gar nicht reinhängen." Und ließ es.
Nach der Halbzeitkritik im Beckenbauer-Stil, in der er sich alte Witze, die man nur Stars verzeiht, attestierte, resümierte Schmidt: "Es kann noch relativ spannend werden, muss aber nicht." Leider bewahrheitete es sich negativ. Je öfter er jetzt selbst erwähnte: "Der Abend hängt irgendwie durch", desto geringer wurde der Widerstand im Publikum, das auch zu glauben. Mit Auftritt des betont trockenen Manuel Andrack war die Luft ziemlich raus. Gut, es gab noch etwas Kollegen-Punshing: Friedman gehe wieder mit Bärbel Schäfer in die Kiste nein, er habe sie geheiratet, weil er sie liebe; für die Kiste habe er andere.
Das Gewese um Heidi Klums Baby zog sich dann schon ziemlich hin. Andracks Dia-Show war schlicht langweilig, und Schmidts Roman-Lesung blieb weit hinter Loriots Kursbuch-Rezitation.
Das im ersten Teil gut eingeführte Thema "Wie mache ich eine Alleinunterhalter-Show" hätte angesichts allfälliger Ich-AGs vielleicht der fehlende rote Faden sein können, aber er ließ ihn abbrechen. Kein Wort zur politischen Lage. "Sie sind enttäuscht", hatte Schmidt noch bei der völlig unkomischen Tour durchs Publikum gescherzt. In dem Moment mochte es ihm noch keiner so richtig sagen.
Der Überraschungsgast riss die Stimmung noch mal hoch: Der pfiffige Kaya Yanar erzählte aus seiner multikulturellen Sandkisten-Kindheit in Frankfurt. Wie ihn der türkisch fluchende Vater, den er kaum verstand, mit Drohungen verfolgte, während der erzürnte deutsche Nachbarsvater seinen Sohn streng ermahnte: "Kai-Uwe, wir müssen miteinander reden." Das sei für ihn bis heute Inbegriff des Deutschen. Lustig auch seine Version der Moses-Geschichte. "Was guckt ihr so? Kennt ihr nicht Moses?", warf er seinem verdutzten christlichen Publikum an den Kopf.
Auch Schmidt kriegte noch eine Pointe hin: "Du musst ja nicht unbedingt einen Gast einladen, der besser ankommt als ich." Tja, wenns bei ihm eben gar so durchhängt nach den fernsehgewohnten 45 Minuten. In Sachen Dramaturgie, Ausdauer und Pointendichte muss er jedenfalls dringend draufsatteln für Rostock und die Folgestädte. Damit die geschmähten Journalisten auch was mitzuschreiben haben. Kräftiger, aber nicht mehr überschwänglicher Applaus zum Abschied.













