Angst, Moral und lauter blutbeschmierte Stiefel
Eugen Drewermanns Braunschweiger Lessing-Vortrag
"Ich sagte: Aber Herr Erzbischof,..." "Und der Erzbischof sagte mir..."
Diese Wendungen häuften sich gegen Ende des Vortrags von Eugen Drewermann. Es ging um die Frage, wie wörtlich der Christ an die Bibel zu glauben habe. Und wenn man weiß, dass dieses so oft erwähnte Gespräch mit dem Erzbischof von Paderborn vor ziemlich genau 13 Jahren stattfand, dann ahnt man, wie sehr die Biografie und das Denken Drewermanns von dem Bruch mit der katholischen Amtskirche bestimmt sind und bleiben.
Drewermann, Theologe und Psychologe, hielt jetzt den Festvortrag des Lessing-Symposiums im Braunschweigischen Landesmuseum.
Als Redner ist der Gelehrte ein Ereignis. Spricht frei und dabei vollkommen druckreif, hat ein staunensewert präzises Zitat-Gedächtnis. Und formuliert, was die Hauptsache ist, inständig bis an die Schmerzgrenze, ohne jeden verquasten Drumherum-Jargon. Ertragreich, aber auch anstrengend ist das alles. Der für halb zehn bestellte Taxifahrer jedenfalls wurde rasch entlohnt und fuhr alleine weiter Drewermann sprach noch eine Stunde.
Das Thema Lessing behandelte er zunächst eher spröde. Als Suchender nach Gott, als Glaubender schien er ihm uninteressant. "Lessing war der Glaube noch nicht fragwürdig", sagte Drewermann. Ging, was den Glauben angeht, rasch zu Schopenhauer, Kierkegaard und Dostojewski über. Und das heißt: zur Erschütterung des Glaubens angesichts des Elends in der Welt.
Was ihm, Drewermann, heute bedeutet: Hunger, globale Unfreiheit durch gnadenlosen Kapitalismus, mediale Entmündigung und die Kriegstreiberei die USA, auf deren Weltpolitik mit "blutbeschmierten Stiefeln" er in galliger Verzweiflung einging.
Wie aber müssen moralisch und theologisch die Antworten lauten? Für Drewermann ist es zum einen die radikal freiheitlich, elementar pazifistisch verstandene Botschaft Jesu Christi. Zum anderen die seelische Zuwendung von Menschen. "Der Mensch lebt im Kessel seiner Angst, aber auf Angst antwortet keine Doktrin. Auf Angst antwortet nur ein anderer Mensch."
Wesentlich näher auf Lessing ging Drewermann in puncto Bibelauslegung ein. Dafür, dass Lessing das Buch als große und von daher würdige und wahre Dichtung gelesen habe, schätzt er ihn. Und demonstrierte anhand diverser Bibelstellen, wie kurz jede buchstabengenaue, historisch angelegte, eben nicht tiefenpsychologisch fundierte Betrachtung greife. Was aber Teile der katholischen Kirche immer noch nicht wahrhaben wollten. Womit er wieder im Oktober 1991 war: "Ich sagte: Aber Herr Erzbischof,..."













