Ein Polaroid kommt selten allein
Künstlerische Aneignung des Sofortbildes Neue Ausstellung im Braunschweiger Museum für Photographie
Polaroid das waren nie Bilder für die Ewigkeit. Diese kleinen quadratischen Fotos, flau und fahlfarbig, feucht und glibberig und chemisch riechend. Das Schönste an Polaroid-Bildern war ihr allmähliches Aufdämmern aus dem Nichts. Wie das, was eben noch gelebtes Leben war, zum Dokument gerann. Polaroid war der Prozess des Gegenwarts-Festnagelns.
Heute ist die Technik des Sofortbildes nichts Besonderes mehr. Jedes digitale Foto kann man gleich nach der Aufnahme anschauen.
Jetzt freilich schlägt die Ewigkeit zurück. Seit Andy Warhol ist Polaroid ein Medium der Kunst. Und das ist keineswegs vorbei. Im Gegenteil: Viele Künstler entdecken die alte, chemisch-sinnliche Bildtechnik neu.
Die technische Schwäche gerät zur Stärke
Warhols Polaroids hat das Braunschweiger Museum für Photographie bereits eine Ausstellung gewidmet. In der Schau mit dem etwas sperrigen Titel "Polaroid als Geste" kommen 18 jüngere Künstler zum Zuge.
Frappierend ist die Vielfalt, mit der Sofortbilder dem künstlerischen Interesse angeeignet, verfremdet, collagiert werden. Dabei gerät oft gerade die technische Schwäche des Mediums zur Stärke der Kunst.
Etwa wenn Joachim Richau einen ehemaligen russischen Truppenübungsplatz durchstreift und in dämmrig-diffusen Bildern eine Atmosphäre von Verlassenheit, Armseligkeit und unterschwelliger Bedrohung beschwört.
Oder wenn Saskia Wendland tausende von Polaroids per Video abfilmt und wie in einem visuellen Bewusstseinsstrom eine sehr individuelle, spontane Weltaneignung vermittelt.
Freilich verführt das Spontane des Polaroids auch zum Beliebigen. Wie bei dem bebilderten Stundenkalender von Maria Sewcz. Eindringlich dagegen Herbert Döring-Spenglers Menschen in dunklen Räumen, deren gestikulierende Hände unheimlich impulsiv erscheinen.
Raumillusionen aus dem Fotofix-Automaten
Logisch, dass das unscheinbare Sofortbild selten als Single auftritt. Als Serie hingegen reicht der Spielraum von dokumentarischen Alltagsbeobachtungen über verblüffende Raumillusionen aus dem Fotofix-Automaten bis zu aquarellhaften Meeresbildern.
Den Hang zur Pose und die Minderwertigkeit des Mediums umspielt Ellen Harvey, indem sie Fratzenschneide-Polaroids akribisch abmalt. Um die nicht reproduzierbare Einzigartigkeit des polaroiden Moments geht es Hans von Trotha, wenn er fast aber eben nur fast identische Dreierserien schafft.
Am schönsten sind die Bilder von Stefanie Schneider: Polaroids, auf Aluminium-Platten vergrößert. Geheimnisvoll, duftig, bonbonfarbig, überhell, wie Filmstills aus einem märchenhaften Flower-Power-Erotik-Western.
Eröffnung Sonntag, 15 Uhr. Bis 24. Juli, dienstags -freitags 13-18 Uhr, sonnabends 12-18 Uhr.













