Farins Krach- und Lachgeschichten
"Ich zähl’ bis zehn, und dann will ich euch springen seh’n!" Farin Urlaub entzückte 1700 Fans in Braunschweig
F wie Farin und Filou, U wie Urlaub und wie Uaahh! Eine tüchtig wummernde Rock-Party war’s gestern Abend in der Braunschweiger Disko Jolly Joker. Ausverkauft? Klar doch! Bombenstimmung? Klarer noch!
Es ächzten die Boxen, es lechzten die Leute, siebzehnhundert: nach ihm. Nach Farin Urlaub, genau: dem Blonden von den Ärzten. Hitzig war die Atmosphäre, viel Schweiß, gereckte Hände, dankbarer Jubel. Und der Ober-Arzt tat ja auch das, wovor die Ohrenärzte immer warnen: Krach- und Lachgeschichten ließ er vom Stapel, dass es nur so dampfte.
Aber es war ja kein Ärzte-Konzert. Die Ärzte minus zwei plus zehn, das hieß: Farin und das "Racing-Team". Munter musizierende, grell aufgebrezelte Frauen an Bass, Gitarre, Schlagzeug, drei noch besser gelaunte Hintergrund-Sängerinnen und knackige Bläser von der Ska-Band Busters unterstützten den Meister.
Doch auch dreißig weitere Musiker hätten nichts daran geändert, dass der Herr Urlaub hier die Hauptperson sein würde. Als abgebrühter Gitarrist, als jubilierender Sänger, als frotzelnder Schwadroneur. Und, jawohl, als charismatischer Interpret schon des zweiten, übrigens richtig erfolgreichen Solo-Albums "Am Ende der Sonne".
Wer mit diesen Liedern nicht so vertraut ist, die Ärzte aber kennt, der kann sich in etwa denken, wie das lief. Zwischen Knatter-Rock, Ska-Punk und seiner ganz eigenen Liedermacher-Pose changierte der Sänger. Auch wenn der Klang eher mies ausgesteuert war: Charmante und intelligente Liedchen wie "Jeden Tag Sonntag" und "Wunderbar" streute er gekonnt und lässig unters Volk. Sang "Phänomenal egal" im trauten Duett mit Simone. Gab auch dem Klasse-Posaunisten Gelegenheit zur effektvollen Solo-Einlage. Nahm sich gern mal selbst auf die Schippe wie im Stück "Wie ich den Marilyn-Manson-Ähnlichkeitswettbewerb verlor". Ließ auch mal den ruppig infantilen Phantasien freien Lauf, etwa bei "1000 Jahre schlechten Sex". Und zauberte dann plötzlich eine phantastische Version des gar nicht platt moralisierenden Liedchens "Porzellan" aus dem Hut.
Dass sein bewährter Ärzte-Partner Bela B. irgendwie fehlte, ist wohl nicht zu leugnen. Doch dafür, lange darüber nachzudenken, war’s gleichwohl viel zu kurzweilig. Allein die Farin’sche Publikums-Anmache hatte es ja in sich. Die ständige Nörgelei am angeblich zurückhaltenden Applaus hätten sich die Leute nicht von jedem bieten lassen. Dazu die La-Ola-Verklappsung vor dem schönen Lied "Alle dasselbe" und natürlich der große Spring-ins-Feld-Spaß. "Ich zähl’ bis zehn, und dann will ich euch springen seh’n!" sang er, und alle sprangen – worüber er sich dann auch wieder lustig machte. Wir wissen nun nicht, ob Farin Urlaub je Canettis "Masse und Macht" gelesen hat – aber für eine Art ironischer Feldforschung auf dem Gebiet hat er ein Faible. Und viele, viele, vom ausgelassenen Schüler bis zum älteren Indie-Freak, haben ein Faible für ihn: für den "Lausejungen des deutschen Krachrocks", wie ihn die Sächsische Zeitung so hübsch nannte. Für den Mann, der so viel kann – bloß keine langweiligen Konzerte.













