So ne Carrera-Bahn ist was für Jungs
22 Meisterschüler der HBK Braunschweiger ordnen sich nach Geschlecht
Kunst für alle? Von wegen: "500 ? Eintritt" steht mit riesigen pink-gesprühten Buchstaben auf dem Vorplatz der Kunsthochschule. Ganz schön happig, denkt man. Wie schön, dass man die Kunst nicht wörtlich nehmen muss. Also einfach rein. Welch ein kreatives Gewusel!
Da leuchten schon in der Kantine schicke Leuchtkästen mit rätselhaften Hochglanz-Bildern nur scheinbar Werbefotos. Filme flimmern über Wände, im Efeu ist ein winziger Monitor versteckt, auf dem eine Frau zu sehen ist, die sich rettungslos im Efeu verstrickt.
Im malerischen Innenhof eine Bretterbude, in der man Kunst tauschen kann. Und eine begehbare "Spirale als Ritual des Wahrnehmens". Der erste, der neugierig schnuppernd hinein läuft, ist ein Häschen was die Nachhaltigkeit beweist, mit der einst Joseph Beuys einem verblichenen Artgenossen die Documenta erklärt hat.
Aber wir schweifen ab. Die Hochschule für Bildende Künste hat eingeladen: Zum traditionellen Rundgang durch alle Ateliers und zur Meisterschüler-Ausstellung. Erstmals parallel. Ob das eine glückliche Idee war? Wir wollen jedenfalls zunächst zu den Meisterschülern.
Bei denen stellt der Besucher fest, dass offenbar die friedliche Koedukation in der HBK vorübergehend aufgehoben, der Geschlechterkampf ausgerufen ist. "Jungs gegen Mädchen" heißt die Schau. Auf der Einladungskarte sind zwei Western-Pistolen gegeneinander gerichtet.
Doch Professor Hartmut Neumann, der die Schau betreut hat, relativiert die Militanz. Der Titel sei nicht als Thema zu begreifen. Man wolle auch keine Konkurrenz. Es stecke nichts dahinter als die Entscheidung, Weibliches und Männliches getrennt aufzustellen. Wie schön, dass man die Kunst nicht wörtlich nehmen muss.
Die 13 Mädchen sind in die weiträumige Montagehalle gezogen. Sie überzeugen durch subtile Fotoarbeiten und kraftvolle Malerei. Frappierend Anne Heusels Fotos von Weihnachtsmarkt-Besuchern, die sich im gelben Schein zu verwandeln scheinen in Gestalten alter Meister. Bianka Timpes starke Bilder von roher Fleischlichkeit im abstrahierten Raum erinnern an Francis Bacon. Von quälender Körperlichkeit hingegen die Videos von Herma Auguste Wittstock.
Alexandra Pavel hat eine spröde Biedermeier-Installation mit Kitsch-Einsprengseln geschaffen. Im heftigen Kontrast dazu Anna Monika Bernards wandhohe gestische Malerei, die auf dem Boden weitergeht, als könne sie sich gar nicht bremsen.
Schon der erste Blick in HBK-Aula verrät: Hier residieren die Jungs: Auf dem Bild von Rafael Torres durchschneidet eine echte Carrera-Bahn brutal ein liebevoll gemaltes Stillleben. Ein klassisches Jungs-Spielzeug, arrangiert zu einem der kraftvollsten, einprägsamsten Bilder der Schau. Im Zentrum des Raums lockt ein filigran verwinkeltes Papierschloss von Chonkook Park. Dazu gibt es viel Malerei von bunt-realistisch (Fabian Bohnmann) bis luftig-abstrakt (Stefan Ssykor).
Noch viel mehr ist zu entdecken. Trends ausfindig zu machen ist schwer geworden. Wenn man die Kunst aber doch mal wörtlich nähme? Okay, wir wagen es, ganz subjektiv: Die Mädchen haben gewonnen. Knapp.
Bis 31. Juli, täglich 13-18 Uhr. Rundgang: heute und morgen 10-20 Uhr, Sonntag 12-17 Uhr.













