Wenn Ethik fehlt, wuchert Korruption
Skandale in der Wirtschaft Einst disziplinierte die protestantische Religion die Auswüchse des Kapitalismus
"Der Kapitalismus ist ungesund sogar für Kapitalisten", schrieb der Philosoph Ernst Bloch vor über 50 Jahren. Seine Worte tat man damals selbstgefällig ab als das ideologische Geplapper eines unverbesserlichen Marxisten. Man lebte in dem Bewusstsein, es im etablierten Wirtschaftssystem mit der besten aller möglichen Welten zu tun zu haben.
Profit war gesund, Expansion notwendig, Eroberung von Märkten menschendienlich. Alles war gut und rechtens, solange es sich auf der Basis liberaler Prozesse und im Rahmen großzügiger gesetzlicher Vorgaben abspielte. Mochten sich hier und dort in den Gefilden der "freien Marktwirtschaft" auch schwarze Schafe tummeln, ließen sich "Betriebsunfälle", die zu Firmenpleiten und Zusammenbrüchen führten, auch nicht gänzlich vermeiden die Hauptsache war, das System blieb unangetastet.
Heute, angesichts sich häufender Skandale und galoppierender Korruptionsaffären, kommen so manchem Zeitgenossen Zweifel. Wenn die Affären einander jagen und die Folgen dramatisch werden, wenn manipuliert, geschmiert, getrickst, schöngefärbt, vertuscht und veruntreut wird, wenn "astronomische leistungslose Gewinnmöglichkeiten" (Michael Adams) schamlos genutzt werden, hat man es offensichtlich nicht bloß mit reparaturbedürftigen Schadstellen des Kapitalismus, sondern mit Anzeichen einer grassierenden Krankheit zu tun.
Der infektiöse Virus stammt nicht etwa aus einer mangelhaften Wirtschaftstheorie, sondern aus einer defizitären (oder nicht vorhandenen) Ethik in den Köpfen der Akteure.
Die spektakulären Skandale bei Enron, Infineon, Daimler-Chrysler, Mannesmann, der Deutschen Bahn, Volkswagen usw. gehen nicht auf bedauerliche Unfälle oder allzu menschliches Versagen zurück. Sie haben auch wenig mit fachlicher Inkompetenz oder Missmanagement im technischen Sinne zu tun. Vielmehr sind es Erscheinungsformen geistiger und moralischer Defizite.
Wie die Wirtschaftswoche schätzt, werden nur etwa 5 Prozent der Fälle der Öffentlichkeit bekannt.
Korrumpierbarkeit ist ein Symptom mangelnder Widerstandsfähigkeit gegen unlautere Verlockungen des Geldes, der Macht oder der Lust. Sie sind Anzeichen einer bröckelnden moralischen Integrität. Ludwig Erhard, der Vater des Wirtschaftswunders, warnte, "dass wir mit jeder Besserung unseres materiellen Seins immer stärker die Maße für das Mögliche und Geziemende verlieren."
Die heutigen Wirtschaftsführer scheinen es vielfach vergessen zu haben. Das Prinzip Verantwortung droht von Selbstherrlichkeit, Skrupellosigkeit und Überheblichkeit verdrängt zu werden. Der langfristige Schaden für die Gesellschaft, für öffentliche Moral und staatsbürgerliches Denken dürfte dabei höher sein als die kurzfristigen Nachteile für die Wirtschaft.
Als Max Weber, der Patriarch der deutschen Soziologie, am Beginn des vorigen Jahrhunderts den abendländischen Kapitalismus aus dem Geist der protestantischen Ethik erklärte, beschrieb er ein kollektives Bewusstsein, das wirtschaftlichen Profit auf der Grundlage religiöser Überzeugungen rechtfertigte: Das Erwirtschaften von Gewinn war gottgefälliges Tun, Wohlstand erwuchs aus dem Segen des Himmels, der Ertrag der Arbeit genoss den Status von "Werkheiligkeit".
Entscheidend dabei war nicht der theologische Hintergrund, sondern die daraus resultierende Bindung ökonomischen Handelns an ethische Grundsätze und gesellschaftlichen Nutzen.
Die abgeleiteten Normen waren verinnerlichte Leitlinien des Denkens und Handelns und setzten sich auf diese Weise selbst Grenzen. Wurden diese überschritten, so galt ihre Verletzung als Sünde und rief Schuldgefühle auf den Plan. Eigennutz ohne Gemeinnutz war verpönt.
Hat die protestantische Ethik auch keineswegs alle Exzesse eines Raubtierkapitalismus verhindert, so wirkte sie doch als inspirierender und disziplinierender Faktor. Sie konnte Tycoons in Wohltäter der Menschheit verwandeln. Im Denken Henry Fords, der Ikone des amerikanischen Automobilbaus, war sie so tief verankert, dass er noch 1938 verkündete: "Der oberste Zweck des Kapitals ist nicht, mehr Geld zu scheffeln, sondern zu bewirken, dass das Geld sich in den Dienst der Verbesserung des Lebens stellt".
Heute ist die protestantische Ethik weithin obsolet. Wenn keine neue, konsens- und funktionsfähige Wirtschaftsethik an die Stelle tritt, sind die Aussichten für Kultur und Gesellschaft düster.













