Bäume, Bäume über alles
Hoffmann von Fallersleben als Rächer der Kastanien Bibliothekarin entdeckt vier Öko-Gedichte von 1866
Wenn der Vater mit dem Sohne Jawohl, als trauliches Gespann dürfen wir uns die beiden denken, wie sie da auf einer traumschönen Kastanienallee im Westfälischen unterwegs sind. Ihn, den ergrauten, doch rüstigen Dichter-Daddy, und ihn, den künstlerisch begabten Sohn.
Papa ist 67. Ist Bibliothekar in der fürstlichen Büchersammlung zu Corvey. Vor Jahren starb seine Frau, mit dem Kind, das sie gebären sollte. Zwei andere Kinder hat er früher schon begraben müssen. Nur dieser Junge, 11 Jahre alt, ist ihm geblieben: Franz, wie er nach dem weltberühmten Paten heißt.
Von Corvey nach Höxter, an den geliebten Kastanien entlang, gehen sie fast täglich. Bestimmt wollen sie zur Post. Ein bekannter Poet wie Hoffmann von Fallersleben hat viel Korrespondenz zu führen, und vielleicht ist für den Franz ja auch ein Gruß dabei vom Patenonkel Liszt.
Doch dann sehen sie die Männer mit der Säge. O weh, die Kastanien! Da greift der Alte zur Feder.
Hoffmann von Fallersleben war eine schillernde Figur des 19. Jahrhunderts. Er schrieb das "Lied der Deutschen" und war kein Chauvinist. Er komponierte lauter Kinderlieder und war der Noten gar nicht kundig. Aber ein Öko war er. Nicht nur Naturschützer, sondern beizeiten ein dichtender Rächer der wehrlosen Mitgeschöpfe, als die er auch und besonders die Bäume ansah.
Dies zeigen die vier 1866 entstandenen Gedichte des Zyklus "Was die Corveyer Kastanien erzählen", den jetzt eine Bibliothekarin in Detmold entdeckt hat. In der entlegenen "Monatsschrift für das Forst- und Jagdwesen", die sie damals abdruckte. Die Titel sprechen Bände: "Der alten Bäume Nothschrei", "Bitte um Fürbitte der Vögel", "Des alten Baumes Fluchgesang" und "Des jungen Baumes Traurigkeit".
Nein, auch wenn die Gedichte in keiner Hoffmann-Ausgabe verzeichnet sind: Als "Literatur-Sensation", wie es das Westfalen-Blatt tut, lässt sich der Fund kaum bezeichnen. Die literarische Qualität der Strophen ist nicht welterschütternd. Zudem hat Hoffmann eine solche Masse an Gedichten in die Welt gesetzt es herrscht kein Mangel, sozusagen.
Gleichwohl ist der Fund natürlich eine feine Sache, finden unsere Gewährsleute von der Hoffmann-Gesellschaft in Fallersleben, Dr. Kurt Schuster und Karl-Wilhelm Freiherr von Wintzingerode-Knorr. Freudig erregt sitzen die beiden in ihrer schönen Hoffmann-Bibliothek und leuchten das Umfeld der Gedichte aus. Eben hat Schuster die passende Tagebuch-Notiz vom 11. Januar 1866 gefunden. Von Schweinchen-Kauf und Anzug-Schneiderei ist da zunächst die Rede. Und dann: "Wieder sehr fleißig. Gegen Abend ein viertes Gedicht. ,Was die Corveyer Kastanien erzählen. Es scheint mir sehr gelungen."
Wintzigerode-Knorr ist richtig glücklich darüber, Hoffmanns Rolle als Öko-Pionier beglaubigt zu sehen. "Er hatte diese tief empfundene Liebe zur Natur", sagt er, "und bestimmt hat er beim Fällen alter Bäume auch an sich selbst gedacht. Er hatte diesen elfjährigen Sohn, und er war wirklich nicht mehr jung." Schuster fügt hinzu: "Bäume waren für ihn Mitgeschöpfe mit eigenen Rechten. Deshalb schrieb er die Gedichte, obwohl er ganz sicher wusste, dass der Landesherr ja nur die brüchigen Bäume fällen ließ, um die Allee zu pflegen. Der wollte nicht etwa Holz verkaufen. Man kann sogar sagen: Das musste getan werden aber das war für Hoffmann nicht wichtig. Der sah nur das eine: Da stirbt ein Baum."













