"Ich bin Rockstar, das hab ich mir erarbeitet!"
Helmstedt, mon amour: Wie der Ärzte-Trommler Bela B. und die Begleitband "Los Helmstedt" die Kreis-Stadt zur Kreisch-Stadt machen
Noch einmal plustert er sich auf. Noch einmal reckt er den Schnabel, rupft die Saiten, und ein letztes Mal, es ist schon kurz nach 23 Uhr, unterlegt er seine an sich kernige Stimme mit diesem hauchigen Gurren, das manch anderen Täuberich vor Neid davondüsen ließe. Und singt: "Ich bin euer Loverboy."
O je, und Helmstedt? Jauchzt vor Stolz und Glück. Solch einen launigen Schatz, solch einen berühmten Flattermann hat man ja nicht alle Tage auf der Fensterbank sitzen.
Bela B. und Helmstedt, sollte das Liebe sein? Scheint so. Tausend Leute im ausverkauften Bürgerhaus feiern den Ärzte-Trommler sowohl für die munter krachenden Rocksongs als auch für die ruhigeren Nummern mit neuen, eher ernsten Texten zur Lage der Nation.
Erstaunlich ist das schon: Auffallend viele junge Frauen, selbst Mädchen lassen sich von den Charmesprüh-Sprüchen des ironisch abgebrühten Ober-Rockstars und immerhin, nun ja, Mittvierzigers zu einem Kreischen verführen, das sie sich beim frühabendlichen Lidschattenauftrag bestimmt nicht vorgenommen haben. Auch die Trupps ausgelassener Jungmänner mit Bierblick sowie die älteren Punkrock-Semester mit Kennerblick mochten schon die inspirierte Rockmusik der Vorgruppe TempEau und schätzten dann noch mehr den fetzigen, prächtig kurzweiligen Tour-Auftakt von "Bela B. y Los Helmstedt".
Y los was? Helmstedt? Tja, so heißt eben die international rekrutierte Bela-Begleit-Band. Wobei Bela nicht Bela wäre, wenn nicht auch die Geschichte einen Knacks hätte.
Ursprünglich hat das alles nämlich nichts zu tun mit der Stadt, sondern nur mit der Autobahn-Raststätte bei Helmstedt, in welcher der West-Berliner Luftikus im Kalten Krieg so gern Einkehr hielt. Was er übrigens, bei der Ansage der dröhnend packenden Coverversion von "Money changes everything" auch gleich Cindy Lauper unterstellt, die nämlich grundsätzlich keine Ost-Toiletten aufgesucht habe.
Wie dem auch sei: Nun gibts den Namen, eine ordentliche Platte, das Klasse-Konzert und sogar das Ergebnis eines 45-minütigen Gipfeltreffens zwischen Bela und Helmstedts Bürgermeister Heinz-Dieter Eisermann: "Der ist übrigens nett, euer Bürgermeister", meint Bela, schimpft aber auch herzhaft auf die vielen NPD-Plakate in der Stadt.
Auch über die Ärzte, die Band, mit der er reich und berühmt wurde, spricht er gern. Im Hotel gleich bei der trauten Raststätte haben wir ihn gefragt nach der rätselhaften Stetigkeit des Ärzte-Erfolgs in mehreren Generationen und allerlei Milieus zwischen Underground-Schuppen, Feuilleton und Rummelplatz.
Da reckt sich Bela, greift mit dem tätowierten Muskelarm nach dem Latte-Macchiato-Becher und sagt: "Wir sind nie stehen geblieben. Die Ärzte sind immer neu. Unsere neueste Idee ist ein Open-Air-Konzert im Winter, das geben wir Silvester im Kölner Stadion. 30 000 Karten sind schon verkauft."
Stillstand wäre in der Tat das Letzte, was man ihm vorwerfen könnte. Bela B., der Bad Boy und Vampir-Punker in der Spaß-Band, hat sich zu einem Kreativ-Kraftwerk mit diversen Schornsteinen entwickelt. Hat Hörbücher aufgenommen und einen Comic-Verlag betrieben. Jetzt will er Drehbücher schreiben. "Das geht aber nicht mal eben so", räumt er ein und fügt in einer für Punkrocker unüblichen Wendung hinzu, er habe sich dazu schon "Sekundärliteratur" kommen lassen.
Ja, und er schauspielert alles andere als unbeholfen in diesem "Tatort" und jener Literaturverfilmung. "Beim Drehen passieren lustige Geschichten. Florian Lukas, den ich für einen ganz tollen Schauspieler halte, war immer so wortkarg. Ich dachte, der hat was gegen mich, aber irgendwann hat er zugegeben, dass er nervös ist, weil er immer schon Hardcore-Fan der Ärzte ist."
Da freut sich der Bela. "Ich gebs wenigstens zu, dass ich eitel bin", sagt er und streift sich durchs Haar. "Und ich sage auch, obwohl meine Freundin das immer doof findet: Ja, ich bin Rockstar. Das habe ich mir erarbeitet, das habe ich verdient."
Am 1. Oktober tritt Bela mit Los Helmstedt in Braunschweigs Jolly Joker auf. Karten in unseren Geschäftsstellen.













