Moderne Zeiten, lausige Zeiten!
US-Rockmusiker Bob Dylan zieht auf seinem Album "Modern Times" Bilanz und pfeift Alicia Keys hinterher
"The Times They Are A-Changin" Die Zeiten ändern sich.
Vor mehr als 40 Jahren wirkte dieser Song des wichtigsten US-Rockmusikers wie eine Drohung: Wartet nur, ihr selbstgefälligen Typen, die Zeiten ändern sich, sang, krächzte und schimpfte Bob Dylan mit ätzendem Unterton. Die Zeiten ändern sich. Dann haben die "Masters Of War", die Herren des Krieges, und all die anderen Falschspieler des Lebens ausgespielt. Wartet nur!
Die Zeiten haben sich geändert. Der 65-jährige Dylan zieht auf seinem neuen Album "Modern Times" Bilanz: Die Zeiten sind einfach nur lausig. Aber Robert Allen Zimmerman aus dem Flecken Duluth in Minnesota hat seinen Frieden mit der Welt gemacht. Er war bei Papst Johannes Paul II., er hat Preise wie den Grammy entgegengenommen, er schreibt am zweiten Teil seiner Erinnerungen "Chronicles", er plaudert als Moderator in einer eigenen Radiosendung über Gott und die Welt und er gibt rund 150 Konzerte im Jahr. Bob Dylan, so scheint es, ist zufrieden.
Blues, Folk, Country, Rock
"Moderne Zeiten" sind eigentlich die alten Zeiten. Der Titel der Scheibe knüpft an Charlie Chaplins Film von 1936 an: Moderne Zeiten sind nicht unbedingt bessere Zeiten. Dylan nimmt die amerikanische Wirklichkeit unter die Lupe. Die Texte weisen ihn als hellwachen und unbestechlichen Beobachter aus. Die Mixtur aus Blues, Folk, Country und Rock zeigt Dylan und Band in geradezu überbordender Spiellaune.
"Thunder On My Mountain" etwa kokettiert mit dem Alter zugleich pfeift Dylan ungeniert der schönen US-Sängerin Alicia Keys hinterher. Er mag sie, obwohl er sie nie getroffen hat. "Spirit On The Water" lüftet das Geheimnis, warum er nicht ins Paradies zurückkehren kann: Er hat dort jemanden umgebracht. So lässig kann wohl nur einer wie Dylan seine "nie endende Tour" um die Welt begründen.
Er nuschelt und grummelt sich fröhlich durch "Rollin And Tumblin ", ein Lied, das die Vagabunden der Landstraße in ihrer Unruhe beschwingt bestätigt. "When The Deal Goes Down" ist ein Versprechen: Er ist da, wenn es seiner Geliebten schlecht geht. Aber er weiß, dass er heuchelt, denn am Ende ist jeder allein. "Workingmans Blues No. 2" macht den so genannten kleinen Leuten keine Hoffnungen. Ihre Situation bleibt, pardon, beschissen. Kein Freund der Schwätzer
"Beyond The Horizon" beobachtet ein tanzendes Pärchen, das sich übermüdet und kaputt aneinander klammert. Doch der Mann schwadroniert vom Ragtime der Saison. Man will dabei sein, fast um jeden Preis. "The Levees Gonna Break" erinnert verschlüsselt an die Flutkatastrophe von New Orleans. "Aint Talkin " Dylan hat genug erzählt, er will weiter, weiter. Von Schwätzern hält er nichts.
"Ich kenne niemanden, der in den vergangenen 20 Jahren ein Album aufgenommen hat, das sich wirklich gut anhört", sagt er. Das gilt auch für ihn und die zehn Songs der "Modern Times". Dylan serviert harte Kost. Das ist trotz aller Nostalgie keine Musik für die Jukebox.
Eine Botschaft aber ist wunderbar einfach und so deutlich zu hören wie auf Bruce Springsteens "Seeger Sessions": Die Rock-Elite bewahrt den amerikanischen Traum. Und es ist nicht der, von dem George W. Bush unentwegt redet.













