Ein Herzog reitet gegen Braunschweig
Anton-Ulrich-Museum erhielt eine Statue von Heinrich Julius zurück Seit dem Krieg verschollen
"Es war der größte Verlust unseres Hauses im Zweiten Weltkrieg", sagt Jochen Luckhardt, Direktor des Braunschweiger Herzog-Anton-Ulrich-Museums, und schaut voller Freude auf die zierliche bronzene Reiterstatuette vor ihm auf dem Tisch. Zum Schutz vor Bomben war sie 1945 ausgelagert worden und nie wieder aufgetaucht. Bis heute.
Dargestellt ist der Braunschweiger Herzog Heinrich Julius (15641613). Ab morgen ist das Kunstwerk des niederländischen Bildhauers Adriaen de Vries (um 15501626) wieder im Museum zu sehen. An prominenter Stelle, wie Luckhardt betont: Im Vestibül des 2. Obergeschosses.
Den Wert der 52 Zentimeter hohen Figur schätzt er auf acht bis zehn Millionen Euro.
Der Reiter lässt sich wie ein Spielzeug abnehmen
"Wahrscheinlich war die Statuette die Zentralfigur in einem Zimmerbrunnen im Schöninger Schloss", vermutet der Museumsdirektor. Dort verbrachte des Herzogs Witwe Elisabeth von Dänemark ihre letzten Jahre. "Dieses Schloss ist nie geplündert worden", erklärt Luckhardt, "deswegen sind viele wertvolle Stücke daraus bis heute erhalten."
Später erfreuten sich die Welfen-Herzöge in ihren Schlössern in Wolfenbüttel und Salzdahlum an dem Kunstwerk. Im 18. Jahrhundert kam die de Vries-Figur in den Besitz des Museums nach Braunschweig.
"Der Reiter ist übrigens abnehmbar", schmunzelt Luckhardt, "wie bei einem modernen Spielzeug."
Als solches war die energisch-dynamische Gestalt des Herrschers mit Feldherrenstab in der rechten Faust auf schnaubend aufsteigendem Ross allerdings nicht gedacht. Im Gegenteil. Es ging um die Symbolisierung vitaler Interessen des Herzogs. "Das Pferd ist sein Wappentier, das Sachsenross", erläutert Luckhardt. Die Statue soll den Machtanspruch des Herzogs gegenüber der renitenten Stadt Braunschweig verdeutlichen. "Die Stadt verweigerte ihm die dringend benötigten Steuern, sie verweigerte ihm die Huldigung und den Zutritt."
Der in Wolfenbüttel residierende Herzog versuchte, die Stadt mit Gewalt einzunehmen. 1605 wäre ihm das fast gelungen. Er war schon im Tor, da wurde er im letzten Moment doch wieder rausgeworfen. Im Lechlumer Holz wäre es den Bürgern beinahe gelungen, den Herzog festzunehmen. Er rettete sich mit einem beherzten Ritt. Erfolg war dem Herzog trotz aller Herrschaftsgesten im Kampf gegen die aufmüpfige Stadt nicht beschieden.
Bei Kaiser Rudolf kreuzten sich die Lebenswege
Der niederländische Bildhauer Adriaen de Vries gilt als einer der bedeutendsten Bronzeplastiker des 17. Jahrhunderts. Er ließ sich in Italien ausbilden, war dann in Augsburg tätig, wo er unter anderem den Herkules-Brunnen schuf.
Später wechselte er als Hofbildhauer nach Prag zu Rudolf II. Auch Heinrich Julius pflegte enge Beziehungen zum Hofe Kaiser Rudolfs. Der Herzog starb in Prag. Als Vorbild der Statue vermutet Luckhardt eine kämpferische Darstellung des Kaisers.
Zu den wichtigen Werken des Niederländers gehören auch das reich geschmückte Taufbecken in der Stadtkirche Bückeburg und ein großes Grabmal für Ernst von Schaumburg-Lippe in Stadthagen.
Wie die Statuette wieder in den Besitz des Museums gekommen ist, soll ein Geheimnis bleiben: "Über Art und Weise der Rückkehr wurde absolutes Stillschweigen vereinbart", sagt Luckhardt. "Das haben wir unseren Partnern versprochen."













