Die Poesie macht uns verrückt
Ein Freund Heines und Hoffmanns von Fallersleben: Zum Tod des Lyrikers und Essayisten Peter Rühmkorf
"Die Loreley entblößt ihr Haar/ am umgekippten Rheine/ Ich schwebe graziös in Lebensgefahr/ grad zwischen Freund Hein und Freund Heine."
So ging er, der typische Rühmkorf-Sound. Und zu wünschen wäre es ihm ja, dem vorerst letzten wirklich populären Lyriker deutscher Zunge, dass er nun, da Freund Hein ihn in seiner Lauenburger Bauernkate abgeholt hat, in jenseitiger Dichterklause den Heine trifft.
Denn Rühmkorf hatte einiges vom großen Kollegen: Vor allem den locker-frechen Ton des Aufklärers und politisch Linken, der aber nie in Pathos oder Agitprop ausartet, weil er stets mit poetischen Mitteln spielt, artistisch, graziös eben. Und weil das Politische immer mit heiter-elegischer Selbstironie gebrochen wird.
Die Dichter Artisten unter der Zirkuskuppel
Das Artistische, das ihn in gewisser Weise auch mit dem intellektuellen Gegenpol Benn verband, spricht sich ganz wunderbar in dem Gedicht aus, das anhebt mit den Worten "Wir turnen in höchsten Höhen herum,/ selbstredend und selbstreimend,/ von einem Individuum/ aus nichts als Worten träumend."
In diesem Gedicht findet sich auch jener berühmte Vers, der von der wünschenswerten Unzurechnungsfähigkeit schwärmt, die der Welt von der Poesie geschenkt wird: "Wer Lyrik schreibt, ist verrückt, wer sie für wahr nimmt, wird es."
Wir haben damals als Germanistik-Studenten diese Verse geliebt, weil sie uns als eine Art anarchische Daseinsberechtigung gegenüber all denen galt, die Jura, Medizin, Maschinenbau oder sonst etwas Vernünftiges studierten.
Rühmkorf hat aus seiner Skepsis gegen romantisierende Aufblicke zum Mond und gegen elegische geschmäcklerische Anbetung Blauer Blumen die Konsequenz gezogen und ist dem von ihm so genannten "poetischen Volksvermögen" nachgegangen.
So kam es, dass seine Gedichte in ihrer raffinierten Fallhöhe aus hoher Lyrik und drastisch-flapsiger Volksderbheit immer eine liedhafte Bodenhaftung hatten.
Seine Gedichte mit den originellen Reimen sind anspielungsreich, aber nicht hermetisch. Sie sind mit Freude zu lesen nicht nur für Germanisten. Ein Vers wie "Der Jambus hätt sich ausgequatscht? / Mitnichten, wiederhol ihn! / Und ist der Stiefel durchgelatscht, / besohl ihn!" hätte auch von Robert Gernhardt stammen können.
Dies gilt auch für seine erstaunlich erfolgreichen Tagebücher unter dem Titel "Tabu". Weltereignisse, hart kontrastiert mit ganz persönlichen Betrachtungen, zornige Attacken neben liebevollen Miniaturen, Medienschelte neben Klatsch und Krankheiten. Es entsteht das Bild einer sehr labilen, lustvoll widerspüchlichen Person.
"Bleib erschütterbar
und widersteh"
In das Buch ist hineingeströmt, wie die Welt ihrerseits so wirr und ungefiltert eindringt in das sensible Dichterhirn. Die Formel hat er schon in einem früheren Gedichtband gefunden: "Bleib erschütterbar und widersteh".
Vor der Verleihung des Hoffmann-von-Fallersleben-Preises des Jahres 2000 in Wolfsburg sagte er mir in einem Interview, vor allem die berühmten Volkslieder Hoffmanns seien "Naturwunder, die ich immer bestaunt habe. Sie haben einen ganz hohen Rang. Das ist doch toll, wenn etwas ohne Verfassername sich einschreibt ins Volk!"
Sein letzter Band hieß "Paradiesvogelschiss". Da ist in einem Wort alles zusammengezwungen, was diesen Dichter so unverwechselbar macht: das Hehre und das Drastische, die poetische Selbststilisierung als Paradiesvogel und die selbstironische Brechung, dass das Produkt eben doch nur ein Schiss ist.













