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13. Februar 2012
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"Da ist ein ungeheurer Druck"

Interview mit Experte Peter Hubertus über das versteckte Leiden der Analphabeten und den Film "Der Vorleser"


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Der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung startet in Zusammenarbeit mit dem Verleih des Films "Der Vorleser" eine Aufklärungskampagne über Analphabetismus. Mit Geschäftsführer Peter Hubertus sprach unser Redakteur Martin Jasper.

Was hat Ihren Verband bewogen, mit dem Verleih des "Vorlesers" zusammenzuarbeiten?

Hier werden sehr eindringlich Verhaltensweisen von Analphabeten gezeigt, die uns zunächst völlig unverständlich erscheinen.

Glauben Sie wirklich, dass ein Mensch zum Massenmörder wird, weil er nicht lesen und schreiben kann?

In dieser Dimension ist das sicher gar nicht zu verstehen – wie alles, was mit den Verbrechen des Nationalsozialismus zusammenhängt. Aber was wir immer wieder beobachten ist, dass Analphabetismus ein gewaltiges Tabu ist. Es gibt in ganz Deutschland nur zwei Selbsthilfegruppen! Die Betroffenen tun alles, um den Makel zu verbergen.

Wie ja auch die Filmheldin Hannah.

Ja, ganz typisch ist, dass sie alle Aufstiegschancen ausschlägt. Sie wechselt von Siemens in den Job als KZ-Aufseherin, weil sie bei Siemens erfolgreich war. Zu erfolgreich! Sie sollte ins Büro wechseln! Gleiches geschieht, als sie als Straßenbahnschaffnerin die Stadt wechselt, weil sie den Aufstieg ins Büro fürchtet.

Abgesehen vom Nazi-Horror: Kennen Sie aus Ihrer Praxis Menschen, die wegen ihres Analphabetismus zum Verbrecher geworden sind?

Nicht direkt. Aber es gibt schon harte Fälle. Leute die ihren Handy-Vertrag nicht lesen konnten und verurteilt werden, weil sie nicht mehr zahlen können. Oder: Einem Mann wird von seiner Frau dauernd etwas scheinbar Harmloses zur Unterschrift vorgelegt. Er weiß nicht, was er unterschreibt, bis er völlig ruiniert ist. Das geht bis zur Selbstzerstörung. Ich kenne den Fall einer Frau, die in einem Restaurant arbeitete. Das schlimmste war, wenn sie die Tafel für das Mittagsmenü beschriften musste. Sie ging so weit, sich mit dem Küchenmesser in die Hand zu schneiden, um dies zu umgehen.

Bei der Filmheldin Hannah ist es so, dass sie sogar Schuld übernimmt für etwas, das sie nicht getan hat – weil der Beweis, dass sie es nicht getan haben konnte, gewesen wäre, dass sie nicht schreiben kann.

Das ist unheimlich: Lieber ungerechtfertigte Schuld auf sich laden, als einen Bildungsmangel zuzugeben?

Es ist eben etwas anderes, als wenn man nicht Blockflöte spielen kann. Die Betroffenen sind beherrscht von einer großen Scham. Sie fühlen sich als Mensch entwertet und halten sich für dumm. Aber das sind sie ganz und gar nicht!

Warum nicht?

Wer in dieser Gesellschaft zurecht kommt, ohne lesen und schreiben zu können, und wer dies dazu noch der Umwelt zu verbergen versteht, der kann doch gar nicht dumm sein!

Inwieweit kann der Film die Situation von Analphabeten verbessern?

Er zeigt auf einer emotionalen Ebene, unter welch ungeheurem Druck diese Menschen stehen. Wir verstehen sie vielleicht danach besser.

Es gibt in Deutschland etwa vier Millionen funktionale Analpabeten, also solche, deren Lese- und Schreibkenntnisse für den Alltag nicht ausreichen. Steigt die Zahl?

Da kann ich nur spekulieren. Ich fürchte ja. Bei der ersten Pisa-Untersuchung waren 10 Prozent der 15-Jährigen nicht in der Lage, einem einfachen Text die wesentliche Information zu entnehmen. Diese Leute sind inzwischen erwachsen… Hinzu kommt: Die Anforderungen steigen. Die Nischen in der Arbeitswelt für Analphabeten schwinden.

Wie sollte man mit jemandem umgehen, wenn man merkt: Der kann nicht lesen und schreiben?

Auf keinen Fall sollte man ihm die Maske vom Gesicht reißen. Sondern ganz behutsam Hilfe anbieten. Dafür gibt es auch unser anonymes Alfa-Telefon: 02 51/53 33 44.

Samstag, 28.02.2009
Quelle: http://www.newsclick.de/index.jsp/artid/9937015/menuid/2184

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