JoDo und der Schatz an der Chinesischen Mauer
Geocaching: Aus der Region zwischen Harz und Heide ziehen viele in die Welt, um eine spannende Schatzsuche zu erleben
JoDo ist fast am Ziel. Sein Puls steigt. Knappe drei Stunden ist er bereits auf der Suche. Über Stock und Stein, durch Wald und über Wiese. Zwischendurch hat es genieselt, jetzt kommt die Sonne durch. Wieder ist Wochenende, wieder ist er auf der Suche und wieder, so hofft er, wird er auch finden. JoDo ist Schatzsucher, die vier Buchstaben sein Codename. JoDo ist ein ganz normaler Mensch, 36, Ingenieur. Und längst nicht mehr der einzige Schatzsucher der modernen Art im Raum Braunschweig. Geocaching boomt.
Geocaching hat einen Vorgänger, die gute alte Schnitzeljagd. Das Ziel ist identisch, der Weg dorthin jedoch so anders. Dabei ist das Prinzip von Geocaching simpel: Leute verstecken irgendwo in der Natur Vorratsdosen (den Schatz = Cache) voller netter kleiner Dinge und einem Logbuch und geben im Internet Hinweise auf das Versteck in Form von Koordinaten. Das lesen andere, merken sich die Koordinaten und ziehen los.
Satellitennavigation
Es soll Experten geben, die die Schätze ohne großartige Hilfsmittel aufgespürt haben, der Regelfall ist aber, dass sie dafür ein GPS (Global Positioning-System)-Handgerät nutzen. Bei gutem Wetter und freier Fläche lässt sich damit der Standort auf den Meter genau über die Koordinaten, also die Angabe von Längen- und Breitengeraden, ermitteln.
Die moderne Schnitzeljagd basiert auf der Satellitennavigation, die von den USA eigentlich für Kriegszwecke entwickelt wurde. Am 2. Mai 2000 schaltete die US-Regierung die "künstliche Ungenauigkeit" des GPS-Signals ab, einen Tag später gab der Amerikaner Dave Ullmer, der Spielerfinder, im Internet bekannt, dass er einen Schatz versteckt hat. Der Weg für ein, so sagen die Fans auf ihrer Homepage, "wundervolles und gänzlich ziviles Hobby" war frei.
Nach Deutschland ist Geocaching langsam, aber gewaltig geschwappt. Deutschlands erster Cache heißt, wie sinnig, "First Germany" und wurde am 2. Oktober 2000 von "Ferenc" bei N 52° 13.533 E 013° 40.683 nahe Wusterhausen verbuddelt. Er ist immer noch aktiv, ist der Klassiker und beliebt bei den Schatzsuchern. Deren Zahl nimmt, wie die der versteckten Schätze, täglich zu. Bis Ende 2001 waren es bereits um die 150 Schätze, dann machte sich das Spiel rasant selbständig. Seitdem ist die Zahl der Schätze in Deutschland auf etwa 1700 (Stand: August) gestiegen.
Auch die Region Braunschweig ist von diesem Boom nicht ausgenommen: Erst gab es nur einen Schatz nahe des Gifhorner Schlosssees, einen im Harz und drei im Peiner Raum, jetzt aber sind auch Schatzverstecker in Braunschweig und rund um die Löwenstadt wach geworden. JoDo freut sich: "Endlich 20 Caches in der näheren Umgebung." Sie tragen so bedeutungsvolle Namen haben wie "Salzgitter-Micro-Cache" oder "Schwarzes Gold" oder "Sunrise".
Zurück zu den Spielregeln: Sind die Leute, die den Hinweisen im Internet zum Schatz gefolgt sind, tatsächlich fündig geworden, können sie der Plastikdose eine Kleinigkeit (Münzen, kleine Werbegeschenke, Spielzeug) entnehmen, müssen aber etwas Gleichwertiges wieder hinein legen. Hat der Geocacher besonderes Glück, stößt er zusätzlich auf einen travel-bug, ein Plüschtier mit Registriernummerplakette. Das darf er mitnehmen und, wenn er seinen nächsten Schatz sonst wo auf der Welt sucht und findet, dort wieder ablegen. Die Reise des Plüschtiers wird immer mit großem Interesse verfolgt. Von allen Geocachern.
Kinder sind begeistert
Jeder Besuch am Schatz wird geloggt, das heißt: Der Besucher verewigt sich im Logbuch. Die Dose wieder fein säuberlich dorthin zurück gelegt. Findet jemand den Schatz durch Zufall, also, obwohl er eigentlich kein Schatzsucher ist, wird auf einem Hinweiszettel hingewiesen, dass es sich um ein Spiel handelt und er doch bitteschön alles wieder so herrichten soll.
Der echte Geocacher gibt nach getaner Arbeit im Internet Bescheid, dass er den Schatz gehoben hat. Wer den Schatz trotz intensiver Suche nicht gefunden hat, meldet sich meist auch und erklärt, woran sein Finderglück möglicherweise gescheitert ist.
Und wenn er, der erfolgreiche Finder, mag und das tun die meisten schreibt er noch ein paar Sätze über den Schwierigkeitsgrad, den Inhalt der Dose, den Gesamtzustand des Schatzes und die Sehenswürdigkeiten ringsherum.
Meist sehen die Schatzverstecker nämlich zu, dass die Schatzsucher was zu sehen bekommen. Sie präsentieren den Suchenden, die fast immer eine weite Anfahrt aus allen Teilen Deutschlands und sogar aus dem Ausland haben, die schönste Seite ihrer Heimat. Tourismus einmal anders.
Das ist es auch, was JoDo so an dem Hobby fasziniert: Erkundungstouren in der Natur, zum Teil kilometerlange Wanderungen durch unbekanntes Gelände. Ein weiterer positiver Nebeneffekt, den er und seine Freundin für sich entdeckt haben: "Wir gehen jetzt auch bei einem Wetter los, bei dem wir sonst ganz sicher im Haus geblieben wären." Eines aber will er unbedingt klar gestellt wissen: Die Geocacher lieben die Natur. JoDo: "Man darf sich das nicht so vorstellen, dass da hauptsächlich an den Wochenenden Horden von Menschen losziehen und mit Spaten und Hacke die Wälder umpflügen." Deswegen sei oberstes Gebot bei den Spielern, ihre Schätze generell nicht in Naturschutzgebieten zu verstecken und ansonsten auch nur an öffentlichen Wegen und Plätzen.
JoDo und seine mittlerweile vom Geocaching-Fieber infizierten Freunde haben festgestellt, dass die Schatzsuche das Kind im Mann und in der Frau weckt. Und es bringt auch, in Begleitung ihrer Eltern, inzwischen etliche Kinder auf Trab. Zum Beispiel Natalie genannt Nati (Codename "Natiloge"). Die Braunschweigerin ist erst neun Jahre alt und doch schon seit einigen Monaten eine der ganz großen Schatzsucherinnen in der Region. Geht es am Wochenende in die Natur, ist sie immer dabei. Mit Begeisterung.
Für sie und andere Kinder mag der Schatzinhalt auch noch für Freude und gar Jubel sorgen, bei den Großen ist es etwas anderes. JoDo, der seit seiner ersten Pirsch im August 2002 auf etliche Schätze in ganz Deutschland gestoßen ist: "Für uns ist nicht der Inhalt das Wichtige, sondern die Tatsache, dass wir ihn gefunden haben. Das ist Nervenkitzel pur."
Spezialausrüstung gefragt
Die Grundregeln sind einfach, aber Geocaching hat viele Varianten: Es gibt den einfachen Cache, bei dem man mit dem Auto vorfahren kann, bis hin zu Caches, die nur mit mit Bergsteiger- oder Schnorchelausrüstung zu erreichen sind. Es gibt mathematische, echte Rätselcaches, die schon im Vorfeld Recherche und Knobeleien erfordern, um überhaupt die Koordinaten zu ermitteln. Ausdenken kann sich die nur derjenige, der wirklich an Ort und Stelle war. So hat JoDo auf einer einer Reisen auf der Chinesischen Mauer Maß genommen und wird dort einen Schatz verstecken. Finden kann den ein Geocacher nur, wenn er wirklich dorthin fährt.
Aber es gibt auch noch eine andere Art. Keine Lust auf Matsch, Regen, Reisen, Wandern und Unterholz? Dann gibt es die virtuelle Suche für Stubenhocker.
Weitere Infos
Schatzsucher oder solche, die es noch werden wollen, finden unter www.geocaching.de oder www.geocaching.com ihre Plattform. Dort findet sich neben einer Fülle an Informationen über das Hobby und seine Entwicklung auch eine Übersicht über alle in Deutschland versteckten Schätze.













