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12. Februar 2012
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Die Kirche geht über Luther hinaus – und sie braucht ihn doch

Diskussion im Haus der Wissenschaft über Luthers Schriften gegen die Juden und die Haltung der Kirche dazu

Von Andreas Berger

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Das ist ja auch mal ein gutes Ergebnis eines spannenden Streitgesprächs: Am Ende sieht der eine ein, dass die anderen Recht haben. Ein Einsehen hatte Professor Bernd Rebe, der nach seiner Lektüre von Luthers Schriften gegen das Judentum der evangelischen Kirche vorgeworfen hatte, sie würde diese Seite des Reformators weitgehend verschweigen. Denn die würde sie vor das Dilemma stellen, entweder Luther demontieren zu müssen oder die Gläubigen mit einem neuen Luther-Bild zu verunsichern.

Doch dann kam das mit dichten Vorträgen gefüllte Zweistunden-Gespräch, das Redakteur Henning Noske vor rund 250 Zuschauern mit strengem Blick auf die Uhr moderierte. Und so sagte Rebe am Ende: "Ich wünsche ja, dass Sie Recht haben." Seine vorher geäußerte Befürchtung, die historisch-kritische Deutung der Luther-Schriften würde dessen antijüdische Ausfälle vertuschen, schien zuletzt immer weniger begründet.

Sein Gegenspieler, Professor Gottfried Orth, sah in Luthers umstrittenen Positionen kein Dilemma, sondern eine Aufgabe, der man sich seit dem Zweiten Weltkrieg gestellt habe. Man bemühe sich, sie im historischen Zusammenhang zu sehen, um sie zu verstehen, das heiße aber nicht, dass man sie entschuldige.

Luthers Judenschriften waren eine Sünde

Der Göttinger Theologie-Professor Thomas Kaufmann räumte ein, dass diese Ansichten Luthers schlichtweg überholt seien, und pointierte: "Luthers Haltung zu den Juden ist die eines fehlgeleiteten Theologieprofessors. Aber ich hole mir heute in dieser Frage genauso wenig Rat bei einem Theologen des 16. Jahrhunderts wie ich mich medizinisch nicht von einem Chirurgen des 16. Jahrhunderts behandeln ließe."

Wolfgang Raupach-Rudnick, Beauftragter für den christlich-jüdischen Dialog der Hannoverschen Landeskirche, wurde noch deutlicher: "Der Lutherische Weltbund hat 1984 klar erklärt: Luthers Juden-Schriften waren eine Sünde." Er erinnerte daran, dass auch reformatorische Zeitgenossen Luthers dessen Ansichten nicht geteilt haben. Der protestantische Rat von Straßburg etwa habe damals den Nachdruck dieser Schriften verboten.

Dieter Rammler, Direktor des Braunschweiger Predigerseminars, verwies auf die 2004 geänderte Präambel der Verfassung der Braunschweigischen Landeskirche: "Durch ihren Herrn Jesus Christus weiß die Kirche sich hineingenommen in die Verheißungsgeschichte Gottes mit seinem auserwählten Volk Israel." "Wir sind da ganz über Luther hinausgegangen. So haben wir das Dilemma, uns in derselben Präambel mit dem kleinen Katechismus klar auf Luther zu berufen und in diesem Satz klar auf Distanz zu ihm zu gehen."

Eine Zuschauerforderung, dann auch auf den Namensteil "lutherisch" zu verzichten und sich nur noch evangelisch zu nennen, wies er aber doch zurück: "Luther hat uns einen theologischen Schlüssel für den Glauben gegeben, der so leicht nicht zu ersetzen wäre", sagte er wohl auch in Hinblick auf die Rechtfertigungslehre, wonach der Mensch durch Gottes Gnade allein gerecht werde, nicht durch eigene Taten oder priesterliche Vermittlung. Diese neue Freiheit eines Christenmenschen war das bahnbrechende Gefühl der Reformation.

Wie aber kam gerade Luther, der das persönliche Glaubenserlebnis so hoch schätzte, zu so harscher Kritik an den Juden? Hier wusste vor allem Kaufmann Erhellendes: Gerade weil Luther nur auf die Heilige Schrift vertraute und das Alte Testament nur auf Christus hin ausdeutete, habe ihn geärgert, dass die Juden aus demselben Text nicht dieselbe Erkenntnis des Jesus von Nazareth als Messias herauslasen.

Verbalradikalismus, keine Handlungsanweisungen

"In den frühen Schriften ruft er noch zur Mäßigung gegenüber den damals überall nur auf Zeit geduldeten Juden auf, weil er auf ihre Bekehrung setzte", erklärte Kaufmann. Doch die Mission schlug fehl, das erbitterte ihn mehr und mehr. Außerdem warfen ihm die Katholiken andauernd vor, ein Juden- und Türkenfreund zu sein, um die Reformation als Bewegung der Ungläubigen zu diskreditieren.

Entsprechend drastisch fielen dann die späten Judenschriften aus. Dies alles, obwohl in Luthers Wohnorten zu seiner Zeit überhaupt keine Juden lebten und er nur einmal auf Reisen überhaupt mit einem Juden gesprochen habe.

Der Braunschweiger Mediävistik-Professor Hans-Joachim Behr bezeichnete Luthers Ausfälle denn auch als "Verbalradikalismus" und sah sie nicht als Handlungsanweisungen. "In den Disputationen und Pamphleten der Zeit waren auch im theologischen Bereich drastische Worte üblich. So bezeichnete Luther die Papst-Anhänger meist als Papst-Esel." Die Neigung zu kräftigen Worten rühre auch aus seiner Übersetzertätigkeit her. Das Deutsche sollte sich vom Lateinischen abheben. Antijüdische Ausfälle gebe es auch in den Passionsspielen.

Pater Wolfgang Stickler bestätigte von katholischer Seite die lange antijüdische Tradition im Christentum und bekannte auch angesichts der vom Papst wieder anerkannten antisemitischen Piusbruderschaft, dass sie auch noch einen großen Besen nötig hätten, um in dieser Frage vor ihrer Tür zu kehren.

Auf den Menschen Luther blickte der ehemalige Braunschweiger Domprediger Armin Kraft, indem er dessen Emotionalität, seine drastischen Stimmungswechsel mit Neigung zum Gewittern hervorhob: "Ein menschliches Herz ist wie ein Schiff, das mal oben auf den Wellen schwimmt, mal mit ihnen sinkt." Eine gewisse Unbescheidenheit sei ihm wohl eigen gewesen, aber Beschimpfungen habe er ertragen, nur in Glaubensfragen sei er unerbittlich gewesen. "Er wusste, wie sehr er der Gnade bedurfte. Seine letzten Worte waren: Wir sind Bettler, das ist wahr."

So schloss der Abend recht versöhnlich. Auch Rebe bekräftigte die großen Verdienste Luthers, die hier ja nicht Thema waren, und zeigte sich beruhigter über die Aufarbeitung seiner heute unhaltbaren Äußerungen zum Judentum.

Orth betonte, dass der nun so respektvolle Umgang mit dem Judentum grundsätzlich für den Dialog der Religionen gelten müsse. Dogmatismus und Alleinseligkeitsanspruch hätten ausgedient. Damit bekräftigte er die evangelische Position, dass jeder seinen Glauben selbst verantworten müsse. Gottes Gnade ist Voraussetzung des Gelingens, auch wenn der Weg je unterschiedlich aussieht.

Donnerstag, 11.03.2010
Quelle: http://www.newsclick.de/index.jsp/artid/11898222/menuid/291584

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