Ideen- und Textklau das ist gar nicht lustig
Wie Hochschulen sicherstellen wollen, dass eine eigene Arbeit auch wirklich eine eigene Leistung ist
Bald wird man an deutschen Hochschulen keine Arbeit mehr ohne obligatorische Echtheitserklärung abgeben können. Dabei handelt es sich um eine eidesstattliche Versicherung. Darin erklären Studenten, dass sie eine Arbeit selbstständig verfasst und alle Hilfsmittel in der Arbeit auch erwähnt haben.
Eine solche Erklärung muss jeder Hausarbeit, die zum Beispiel im Englischen Seminar der TU Braunschweig abgegeben wird, beigefügt werden. Andere Institute verlangen ihren Studenten ähnliche Beteuerungen ab, da es in Zeiten von Google und Wikipedia immer einfacher wird, sich Hausarbeiten aus dem riesigen elektronischen Textfundus des Internets zusammenzustehlen.
An sich ist Plagiieren, also die Übernahme geistigen Eigentums, nicht verboten, doch an Schulen und Hochschulen verstößt es gegen Prüfungsordnungen.
Außerdem geht der Ideen- und Textklau oft mit Urheberrechtsverletzung des wahrhaftigen Autors einher. An Hochschulen lassen sich mindestens zwei Typen von Plagiaten unterschieden: Diejenigen, bei denen Texte wissentlich oder aus Versehen ungenannt paraphrasiert und jene, bei denen ganze (Ab-)Sätze aus fremden Werken übernommen werden. Letztere gehen meist mit Brüchen im Stil oder widersprüchlichen Formulierungen einher und wecken so das Misstrauen des Lesers. Ist dieser aufmerksam geworden, lassen sich aus dem Internet kopierte Textstellen schnell ausfindig machen.
Viele Institute der TU entdecken einfache Plagiate gar mit Hilfe der EDV: Sie verlangen von Studenten die Abgabe der Arbeiten in digitaler Form. Diese lassen sich direkt in eine Software einspeisen, die Übernahmen fremder Texte aus dem Internet aufspürt.
Solche Programme sparen den Dozenten, die früher ganze Tage auf Plagiatsrecherche verwenden mussten, jede Menge Zeit.
Eine Software zum Aufspüren von Plagiaten, Docoloc, wurde an der TU Braunschweig im Rahmen einer Doktorarbeit entwickelt. Mit Hilfe der Datenbasis der Suchmaschine Google vergleicht das Programm eine eingespeiste Hausarbeit mit bereits im Internet veröffentlichten Texten. Bücher und Aufsätze aus Bibliotheken bleiben bei der Recherche mit Docoloc jedoch unbeachtet.
Die Vorkontrolle durch die Software liefert aber auch bei Treffern keine sicheren Befunde. Deshalb ist eine manuelle Nachkontrolle geboten, um zu einer fairen Beurteilung im Sinne aller ehrlichen Studierenden zu kommen. Prof. Rolf Nohr vom Institut für Medienforschung an der Hochschule für Bildende Künste (HBK) in Braunschweig vertraut bei der Plagiatsrecherche nicht auf Software. Er beschränkt sich, bei Verdacht, auf Stichproben. Ein Drittel der bei ihm eingehende Arbeiten untersucht Nohr gezielt auf plagiierte Textstellen.
Doch längst nicht alle Plagiate werden gefunden. Das Übersetzen fremdsprachlicher Aufsätze beispielsweise gilt als vergleichsweise sichere Betrugsmethode, denn für die Software ist es durch einen Sprachwechsel unmöglich, plagiierte Textstellen aufzufinden.
Für Dozenten wird es dadurch, je nach Sprachkenntnis, zumindest aufwendiger. Zentrale Statistiken über das Auftreten von Plagiaten gibt es nicht. Viele Fälle, so vermutet Nohr, würden zwischen Missetätern und Prüfern diskret geklärt, denn "nicht nur für den fälschenden Studenten ist das eine peinliche Angelegenheit".
Manche Kollegen missverstünden Plagiate als Abwertung ihrer Lehre, so Nohr. So bemühen sich auch nicht alle Dozenten, Plagiate ausfindig zu machen. Denn findet man eine plagiierte Textstelle, kann das viel Arbeit verursachen. Will ein Dozent den häufig angedrohten Weg gehen, den Täuschungsversuch mit der Zwangsexmatrikulation, also dem Ausschluss aus der Hochschule, zu ahnden, steht ein langwieriges Verfahren bevor.
"Ein Dozent kann die Angelegenheit an die Prüfungskommission des jeweiligen Fachs weiterreichen. Diese kann der Hochschulleitung dann eine Exmatrikulation des Delinquenten empfehlen", beschreibt Nohr. Die Abgabe einer plagiierten Hausarbeit jedoch gilt in vielen Prüfungsordnungen nicht als Exmatrikulationsgrund. "Das ist streitbar, denn die Exmatrikulation kann immer angefochten werden." räumt Nohr ein.
Die Ursachen für das gehäufte Auftreten von Plagiaten sieht Nohr auch im rigiden und auf permanente Benotung ausgelegten Bachelor-Master-System: "Studierende stehen unter höherem Effizienzdruck als früher, wollen mit minimalem Aufwand maximale Effekte erzielen".
Am Ende ist das Plagiat aber kein Produkt des Systems, sondern des Einzelnen. Hinter jedem Plagiat steht auch Misstrauen sich selbst gegenüber und Mangel an Mut, eigene Ideen zu entwickeln.













