Die dunkle Seite des Dr. Martin Luther
Ein Gespräch mit Bernd Rebe über den Reformator und das "Verborgene Dilemma des deutschen Protestantismus"
Bernd Rebe (70) war von 1983 bis 1999 Präsident der TU Braunschweig und ist emeritierter Universitätsprofessor für Zivilrecht und Wirtschaftsrecht. Mit ihm sprach Henning Noske.
Lieber Herr Professor Rebe, was muss man hören? Müssen Sie uns jetzt auch ausgerechnet noch unseren guten Luther madig machen?
Ich schreibe gerade an einem Roman, der das Entstehen einer neuen Glaubensgemeinschaft beschreibt. Ich fragte mich: Was wäre, wenn Jesus von Nazareth heute auf der Welt erschiene. Was würde aus ihm? Und in diesem Zusammenhang habe ich mich auch näher mit dem Reformator Martin Luther und seiner Zeit auseinandergesetzt.
Ich habe also viel über Luther und von ihm gelesen. Und da ist mir aufgegangen, dass heute viel Schreckliches, falls überhaupt, nur noch ganz nebenher erwähnt wird zum Beispiel Luthers Antisemitismus, aber auch andere höchst problematische Aussagen.
Des wird beschönigt, die Auseinandersetzung damit wird unterdrückt. Das ist ein Skandal. Ich nenne es das verborgene Luther-Dilemma des deutschen Protestantismus.
Was verstehen Sie darunter?
Man verbirgt den unangenehmen Martin Luther. Und unterdrückt die Auseinandersetzung damit. Es wird ein völlig verzeichnetes, lichthelles, aufklärerisches Bild von ihm geschaffen. Martin Luther wird zu einem Aufklärer stilisiert, doch das ist er nicht.
Sie sprechen von Unterdrückung. Ein starker Vorwurf.
Daran gibt es keinen Zweifel und dem muss man sich stellen. Ich bin selbst Mitglied der evangelischen Kirche. Ein jeder kehre vor seiner Tür. Wir Protestanten müssen uns der Wahrheit stellen und dürfen uns nicht länger mit der beschönigenden Entstellung von Luthers Leben, Denken, Wirken und Glauben abfinden.
Was haben Sie denn bei Ihrer kritischen Beschäftigung mit Luther in der Hauptsache gefunden?
Es sind drei Dinge: Erstens der Antisemitismus insbesondere des späteren Luther. Zweitens die Tatsache, dass er den Menschen den freien Willen abspricht. Und drittens, dass er einen unentwegt demütigenden Gott predigt, der uns sozusagen niederdrückt, weil er uns liebt und damit unseren Glauben auf die Probe stellen will. Diese Dinge passen nicht zusammen.
Können Sie Beispiele für Luthers Antisemitismus nennen?
Seine Schrift "Von den Juden und ihren Lügen" aus dem Jahr 1543 ist ein wüstes Hass-Traktat. Luther war sein Leben lang Judengegner. Die Intensität dieser Gegnerschaft hat sich mit zunehmendem Alter zu zerstörerischer Feindschaft gesteigert. In "Von den Juden und ihren Lügen" fordert er seinen Landesherrn schließlich zur Vernichtung und Vertreibung der Juden auf.
Gleich am Anfang bezeichnet er die Juden darin als "die elenden, heillosen Leute", die "uns eine schwere Last, wie eine Plage Pestilenz und eitel Unglück in unserem Land sind", um später zu fragen: "Was sollen wir Christen nun tun mit diesem verworfenen verdammten Volk der Juden?"
Als Antwort entwirft er selbst in seinem "treuen Rat" ein Sieben-Punkte-Pogrom-Programm. Es ist, mit Verlaub, eine Gebrauchsanweisung zum Holocaust.
Über Jahrhunderte war Antisemitismus ein Merkmal der Zeit. Es gibt Leute, die heute sagen: Ja, man muss das doch aus der Zeit heraus sehen.
Dieses Argument hört man oft, zum Beispiel auch in einer eben neu veröffentlichten Geschichte der Reformation. Das ist das Argument: Na, so haben ja alle gedacht, das haben alle gesagt. Als rein historische Beurteilung akzeptiere ich das sogar. Aber heute müssen wir klar sehen: Was ist in den vergangenen 500 Jahren daraus gemacht worden? Was ist daraus gefolgt?
Luthers Antisemitismus hat bis in das 20. Jahrhundert nachgewirkt und im deutschen Protestantismus zur geistigen Mitvorbereitung der Judenverfolgung durch die Nazis und zur teilweise bejahenden Hinnahme von Entrechtung, Verfolgung und Deportation deutscher Menschen jüdischen Glaubens beigetragen.
Dies ist ein schlimmes Kapitel in der Geschichte des deutschen Protestantismus, das hoffentlich in der "Luther-Dekade" sozusagen "brutalstmöglich" aufgearbeitet werden wird.
So wurden "die Juden" in einer protestantischen Wochenzeitschrift mit mehreren Millionen Lesern ab 1918, also vor der nationalsozialistischen Machtergreifung, als "die natürlichen Feinde der christlich-nationalen Tradition" bezeichnet und als Verursacher einer Vielzahl von Übeln dargestellt.
Auch und gerade hier in Braunschweig sind der Antisemitismus, der Antiliberalismus und das antidemokratische Denken parallel miteinander aufgetreten.
Der thüringische Bischof Sasse veröffentlichte kurz nach der so genannten "Reichskristallnacht" am 9. November 1938 ein Kompendium mit Luthers antisemitischen Giftigkeiten, so auch "Von den Juden und ihren Lügen".
Darin begrüßt er die Pogrome und verweist ausdrücklich auf Luthers Geburtstag: "Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen". Die Deutschen sollten Luthers Worte beachten als die "des größten Antisemiten in seiner Zeit, den Warner seines Volkes vor den Juden."
Auch nach dem Krieg hat der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland in der Stuttgarter Schulderklärung 1945 sich nur in verwaschener Weise geäußert. Kein Wort über den Antisemitismus der Evangelischen Kirche in Deutschland vor und während der Nazizeit.
Dieser Antisemitismus ist nicht nur ein Problem der evangelischen Kirche, sondern spätestens seit dem Fall der Pius-Brüder und des Holocaust-Leugners Williamson sichtbar auch ein Problem der katholischen Kirche.
Dass es zum Antisemitismus kommen konnte, beruht auch auf einer Fehlinterpretation der christlichen Lehre: "Sie haben unseren Herrn getötet." Dem muss man sich stellen, wir müssen sagen: Diese Fehlinterpretation des christlichen Kreuzigungsdogmas hat unendliches Leid über die Menschen gebracht, unendliche Zerstörung ausgelöst und Mordlust freigesetzt.
Ich sage als evangelischer Christ: Jeder kehre vor seiner Tür. Den Schluss Ihrer Frage selbst zu ziehen, überlasse ich aufgeklärten Lesern.
Sie sprechen davon, dass Luther den Menschen den freien Willen abspricht. Für viele wird er aber gerade mit Freiheit identifiziert.
Eben, und das ist eine regelrechte Geschichtslüge. Die ist unerträglich. Das Bild des "Ein-feste-Burg-ist-unser-Gott-Luther", der auch mit seinen derben Sprüchen und treffenden Lebensweisheiten in den Sprachschatz der Deutschen eingegangen ist, gibt nur die eine Seite von Luthers Wesen wieder, die helle volkstümliche Seite.
Seine andere, nachtschwarz verspannte Seite wird dagegen in nahezu allen Luther-Biographien verschwiegen oder allenfalls nur summarisch angedeutet, obwohl sie die tragende Kernstruktur seines eigentlichen Glaubensverständnisses ausmacht: Es ist die Obskurität seiner bedrohlichen Jenseitskonstruktionen, mit denen er wie die katholische Kirche im Ergebnis die Christenmenschen entmündigt.
Das werden viele nicht gern lesen. Die Rede ist vom Luther der Deutschen, der die Bibel übersetzt hat.
Was er an Gutem geleistet hat, müssen wir anerkennen. Aber es geht hier einmal darum, seine problematische Seite bewusst zu machen und eine Diskussion anzustoßen, zu der ich auffordere. Es geht dabei nicht nur um historische Tatsachen, sondern um ihre schädliche Fortwirkung.
Im Kern geht es um die Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit. Sie muss letztlich den Vorrang haben gegenüber dem auch verständlichen Wunsch, Millionen Gläubigen nicht ihren Luther wegzunehmen. Und deshalb habe ich es auch ein Dilemma genannt.
Ich sehe durchaus die Probleme, die damit verbunden sind. Ich möchte nur einen kleinen Anstoß geben zu einer dringend notwendigen Diskussion.
Was sind die Konsequenzen, wenn dies weiter verdrängt wird?
Wir leben in einer Zeit mit Tendenzen, dass viele Dinge nicht wahrheitsgemäß und klar ausgedrückt werden. Es herrschen nicht nur in der Politik ein gnadenloser Populismus und Oberflächlichkeit.
Ich glaube, dass eine Religion als ein sehr hoher Ausdruck des kulturellen Lebens die geistige Wahrhaftigkeit zur absoluten Leitschnur machen muss. Wenn man geistig nicht wahrhaftig ist, dann kann man vielleicht eine gewisse Zeit damit leben.
Doch irgendwann wirkt die Unwahrhaftigkeit zerstörerisch zurück. Und das ist eigentlich meine Hauptsorge dass der christliche Glaube, und auch gerade seine protestantische Ausformung, eines Tages durch diese Unwahrhaftigkeit von innen her ausgehöhlt werden wird.
Was muss aus Ihrer Sicht geschehen?
Lassen Sie es mich so sagen: Von unserem Luther können wir lernen, dass man nur zu einer Erneuerung kommen kann, indem man die unwahren Teile des Alten abschneidet. Anders geht es nicht. Darin liegt zunächst immer auch ein Augenblick der Verunsicherung. So geht es mir auch, aber es muss sein.













