Wir reden mehr und sagen weniger
Was sind Vor- und Nachteile moderner Kommunikationsmittel? Eine Antwort in 140 Zeichen
Wir chatten, twittern, mailen, gruscheln, simsen – aber sprechen wir noch miteinander? Neue Kommunikationstechniken ermöglichen es uns, miteinander zu reden, ohne etwas zu sagen. Wenn der zwinkernde Smiley im digitalen Plauderraum ausreicht, um meine Befindlichkeit mitzuteilen, brauchen wir dann noch persönliche Gespräche?
Yvonne Buchwald bat zwei Kommunikationswissenschaftler aus Braunschweig um ein Interview im Twitterformat. Wie verändern soziale Netzwerke, Chats, Twitter und Co unseren Umgang miteinander? Bitte antworten sie in 140 Zeichen:
Nun mal heraus damit: Werden wir künftig noch miteinander sprechen – von Angesicht zu Angesicht?
Holger Isermann: Klar. Das ist eine Kulturtechnik, die sich über Jahrhunderte entwickelt hat. Gestik und verbale Kommunikation werden nicht verschwinden.
Obwohl junge Menschen zum Teil behaupten, lieber zu chatten, als sich zu treffen?
Annekatrin Bock: Studien zeigen, dass Menschen, die viel über das Internet kommunizieren oft auch fernab des WWW unternehmungslustig sind und Freunde treffen.
Verändern sich die Inhalte der Kommunikation?
Holger: Wir teilen uns unabhängiger vom inhaltlichen Gehalt mit. Und Kommunikation wird weniger verbindlich.
Annekatrin: Genau. Wir sprechen mehr miteinander, aber nicht unbedingt mit mehr Inhalt.
Ist das nicht beängstigend?
Holger: Nein. Wir haben zum Beispiel weniger Angst vor Zurückweisung und können über Dinge anders und viel direkter sprechen.
Also ein Vorteil?
Holger: Die Regeln der Kommunikation sind anders. Wir können im Chat oder Forum etwa auf Begrüßungen verzichten und reagieren nicht so empfindlich.
Annekatrin: Wenn jemand den Chat beendet oder auf eine SMS nicht antwortet, ist das für mich nicht so verletzend, als würde er den Hörer auflegen.
Also gibt es in unterschiedlichen Medien jeweils andere Umgangsformen?
Annekatrin: Ja, und die verändern sich. Am Telefon habe ich früher vor allem wichtige Botschaften übermittelt, ähnlich wie über den Telegraphen.
Holger: Man merkt das manchmal, wenn man mit älteren Leuten telefoniert. Die sind eher kurz angebunden. Anruf, Botschaft und dann auflegen.
Ich verhalte mich heute anders, wenn ich kommuniziere?
Annekatrin: Auf jeden Fall. Da ich überall mit fast jedem kommunizieren kann, mache ich mir nicht so viele Gedanken, wann, wo und worüber ich spreche.
Holger: Auch Geld spielt eine Rolle. Mittlerweile breiten sich Flatrate-Tarife aus, und die Frage des Kosten-Nutzen-Faktors stellt sich seltener.
Aber wo bleibt die Verbindlichkeit, wo bleiben ernste Themen?
Annekatrin: Überall. Die Themen liefert das Leben. Neue Techniken verändern doch weniger die Inhalte unserer Kommunikation, als eher deren Form.
Haben Sie ein Besipiel?
Annekatrin: Um zu sagen "hier bin ich", habe ich früher über die Straße gewunken. Heute kann ich bei einem Onlinespiel als Geste einen Eierkorb senden.
So stark wird sich unsere Kommunikation also in Zukunft gar nicht verändern?
Holger: Schon. Nehmen wir an, ich sehe jemanden im Café und möchte ihn kennenlernen. Dann könnte ich ihn mit dem Handy fotografieren, statt ihn anzusprechen.
Und dann?
Holger: Das Handy sucht mir zum Foto das Internet-Profil heraus und ich weiß sofort ganz viel über die Person. Das ist eine denkbare Zukunftsvision.
Geht der Reiz des Kennenlernens und des eigentlichen Austausches dann nicht verloren?
Holger: Es kann natürlich sein, dass ich die Person dann gar nicht erst kennenlernen will, zum Beispiel weil sie 96-Fan ist. (lacht)
Aber?
Holger: Kein Aber. Auf jeden Fall würde ich mit meinem Vorwissen über sie die Kommunikation anders einleiten.
Man kommt Menschen künftig also nahe, ohne sie kennenzulernen?
Annekatrin: Das ist denkbar. Es gibt schon heute die Möglichkeit, sehr leicht persönliche Dinge über Menschen zu erfahren, ohne mit ihnen zu sprechen.
Wenn Handys und Computer für uns die Kennenlernarbeit übernehmen, werden wir dann nicht seltener Kontakte aufnehmen?
Holger: Nicht unbedingt. Die Hürde, um in Kontakt zu treten, wird gesenkt. Der erste Schritt ist doch oft mit der Angst vor Zurückweisung verbunden.
Annekatrin: Und ich kann leichter überall auf der Welt mit Menschen kommunizieren. Viele Beziehungen beginnen mittlerweile im Internet.
Wir haben den Druck, immer überall erreichbar und präsent zu sein. Haben wir bei diesem digitalen Dauerrauschen überhaupt Zeit für tiefer gehende Kommunikation?
Annekatrin: Man überbrückt ja oft nur Leerphasen. Wenn ich etwa irgendwo warten muss, schreibe ich schnell eine Kurznachricht, um Zeit totzuschlagen.
Sind wir süchtig nach digitaler Kommunikation?
Holger: Wir haben uns zumindest an die permanente Erreichbarkeit gewöhnt und fühlen uns ohne Handy und Internet von der Welt entkoppelt.
Wir sind also total abhängig. Merken wir das noch?
Holger: Ja, zum Beispiel wenn an Weihnachten alle bei ihren Familien sind. Da kehrt Ruhe ein. Das E-Mail-Postfach bleibt leer, das Handy stumm.
Dann stehen persönliche Kontakte im Vordergrund?
Holger: Genau. Plötzlich wird die direkte Kommunikation intensiviert, während die digitale kaum stattfindet.
Welche Risiken bringt das Internet mit sich?
Holger: Früher haben Medien vergessen. Heute lebt zum Beispiel ein unglücklicher Fernsehauftritt im Internet weiter.
Kritiker befürchten, dass unser analoges Ich vereinsamt, obwohl – oder gerade weil – unsere virtuelle Kommunikation zunimmt.
Holger: Menschen reden miteinander, seit es sie gibt. Das revolutioniert sich nicht, weil es seit ein paar Jahren Internet gibt.













