Architektur-Wunderknaben singen im Chor
Porträt und Interview mit "Graft" über Bauen, "A:Cantus", die TU Braunschweig und eine Kultur der Eigeninitiative
BRAUNSCHWEIG. Das ist eine echte Erfolgsgeschichte made in Braunschweig: Wolfram Putz, Lars Krückeberg, Thomas Willemeit und ihr Team haben es in nur sechs Jahren vom Architektur-Diplom an der Technischen Universität (TU) Braunschweig zu einer der Top-Adressen der Welt unter den Szene-Baukünstlern geschafft.
Drei Häuser für Brad Pitt, Musikvideo-Kulissen für Will Smith und Arbeiten für Dave Hickey gehören ebenso zu ihren Referenzen wie Bauten in Peking, Florenz, Berlin und Las Vegas: "Graft"-Architekten gestalten Hotels, Apartments, Filmsets ebenso wie Wohnraum für Celebrities aus Hollywood.
Der Name "Graft" spielt auf das Veredeln von Pflanzen durch Aufpfropfen anderer Triebe an. Die Zusammenführung unterschiedlicher Kulturen führt auch in ihrer Architektur zu den interessantesten Ergebnissen. Wohnraumfremde Materialien, Möbel, die gleichsam organisch aus den Wänden herauswachsen und Faltenwürfe in den Interieurs prägen den Stil von Graft.
Die Ergebnisse treffen Punkt genau den Nerv der Kenner, das belegen derzeit auch in Deutschland euphorische Pressestimmen. Zur Eröffnung des jüngst von den "Architekturwunderknaben" (so die Süddeutsche Zeitung) gestalteten "Hotel Q!" in Berlin schwärmt der "Baumeister" von "Wohn-Abenteuern", während das Szene-Magazin "Deutsch" bereits auf ein neues Kultur-Paradigma anspielt: "Vorsicht, Deutscher Duden, es wird 'graftig' an deine Tür geklopft".
Dass die Kernmannschaft an ihrer Uni, der TU Braunschweig, schon lange vor dem Diplom zu den "Promis" gehörte, überrascht nicht. Dass sie hier aber nicht nur als Baumeister, sondern insbesondere als hervorragender A-cappella-Chor bekannt sind, entspricht voll und ganz dem unverwechselbaren Stil von Graft. Chorleiter Thomas Willemeit und "A:Cantus" haben es immerhin bis zum zweiten Platz im deutschen Chorwettbewerb in der Kategorie "Jazz" gebracht. Elisabeth Hoffmann sprach mit dem Team von Graft in Los Angeles.
Frage: Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie von Los Angeles aus auf Braunschweig schauen?
Das ist für uns nicht ganz so weit entfernt, wie man meinen könnte. Studenten oder Absolventen aus der TU bewerben sich zum Beispiel bei uns die nimmt man natürlich gern, wenn wir Jobs anbieten können. Durch Johannes Jakubeit, der Assistent bei Prof. Karch ist und seit zwei Jahren gleichzeitig im Graft-Team ist, gibt es außerdem noch einen Fuß in der Tür: Wir formulieren Gastkritiken zu studentischen Entwürfen, und aktuell hält Johannes ein Materialforschungsseminar. Der Chor trifft sich in unregelmäßigen Abständen zu Auftritten in Braunschweig so am 5. Juli in der Brunsviga.«
Hat der Chor Ihre Arbeit geprägt?
Auf jeden Fall! Braunschweig galt damals ein bisschen als eine Diaspora für diejenigen, die über die ZVS, die Zentrale Studienplatzvergabe, keinen Studienplatz in ihrer Traumstadt bekommen konnten. Wer so wie wir von außerhalb dorthin kam, stand zunächst einmal da wie ein nasser Pudel und fragte sich: "Wo bin ich hier?" Der Chor war für uns damals eine Heimat inmitten des niedersächsischen Flachlandes. Außerdem bedeutet Architektur an sich ja ein eher einsames Dasein, geprägt vom kreativen Wettbewerb der Individuen. Bei uns sah das anders aus: Wir haben viel gemeinsam im Zeichensaal gearbeitet, wo "A:Cantus" mit unseren ersten spontanen Gesangseinlagen damals auch entstanden ist. Besonders durch den Chor haben wir Teamarbeit gelernt man muss ja nicht immer der Solist sein.
Wie lautet Ihr Erfolgsrezept?
Die Energie von "A:Cantus" war nie motiviert durch die Frage: "Womit werden wir bekannt?" Wir haben eigentlich noch heute nicht verstanden, warum aus dem kleinen studentischen Grüppchen, das im Zeichensaal zusammen gesungen hat, ein Ensemble wurde, dass vor Publikum auftrat, gefördert wurde und sogar große Wettbewerbe gewann. Oder anders gefragt wie entsteht ein Impuls der Eigeninitiative, wie kann man die stärksten Ansätze in seinem Inneren finden, aus denen dann wirklich etwas Großes werden kann? Auf jeden Fall gab es in den Zeichensälen eine Grundatmosphäre der Neugier, des gegenseitigen Interesses. Die Ausbildung an der TU hat das gefördert, weil sie uns formal kein enges Korsett angezogen hat. Klar war im Studium nicht alles perfekt, aber es herrschte keine Kultur des Jammerns, sondern des Gestaltens von Alternativen. Im fünften und sechsten Semester sind viele von uns ins Ausland gegangen und mit neuen Impulsen zurückgekommen. Das war wirklich wie in einem Basar. Und der Chor hat den Dialog in der ganzen Zeit auf einer anderen Ebene noch intensiviert.
Der Zeichensaal als Stilbasar und Ideenlabor lässt sich das auch auf das "Graftlab" beziehen?
Kann man sagen. Wir bewegen uns nach wie vor nicht auf eingefahrenen Wegen, sondern saugen ständig Impulse von außen auf. Wir sind ja als Büro noch ganz klein und sehr, sehr jung und bringen jede Menge kindlicher Neugier in jedes Projekt ein. Oftmals überraschen uns unsere Aufgaben und Auftraggeber. Wir arbeiten viel in den ausgefransten Randbereichen der Architektur, entwerfen Interieurs, Kulissen, bis hin zur Stadtplanung. Für uns entsteht eine märchenhafte Logik vor allem dann, wenn man die eigenen Gewohnheiten hinter's Licht führt, zum Beispiel Materialien genau so einsetzt, wie es bisher als sinnwidrig gilt. Im "Hotel Q!" in Berlin haben wir zum Beispiel die Wände mit Linoleum überzogen und dabei eng mit den Herstellern zusammengearbeitet, die das bisher noch nie gemacht hatten. Die Verfahren mussten erst mal ganz neu entwickelt werden.
Wenn man die gehobene Boulevard-Presse liest, hat man den Eindruck, Sie bilden die einsame Spitze der internationalen Architektur-Superstars. Im Gespräch mit Ihnen klingt das anders ...
Absolut! Hier in LA und auch in Berlin und Peking und an unseren anderen "Bau-Stellen" treffen wir immer wieder auf Braunschweiger Absolventen, die wir noch aus dem Studium kennen, und die in den ganz großen Büros arbeiten oder auch selbst welche gegründet haben.
Zum Schluss noch eine Botschaft an Ihre Alma Mater?
Wenn Sie schon so fragen: Von hier aus gesehen schaut es ein bisschen so aus, als ob sich an der TU ein Prozess der Verschulung bemerkbar macht, der unter dem Stichwort der Effizienz immer weniger Freiräume erlaubt. Man sollte aber durch das Studium nicht durchgehen wie durch ein Lehrbuch.
Die Hochschul-Rankings scheinen dem Trend aber recht zu geben. Die Architektur in Braunschweig gehört laut der neusten Umfrage zu den Aufsteigern.
Da gibt es vielleicht eine Diskrepanz zwischen der Innensicht und der Außensicht. Wir hatten immer das Gefühl, dass eine Menge der weltbesten Entwerfer aus Braunschweig kommen.













