Als Praktikant in Afghanistan im Feuersturm
Von der Uni an einen Krisenherd der Weltpolitik: Was ein Braunschweiger Geschichts-Student in Kabul erlebte
Den 29. Mai dieses Jahres, einen Montag, wird Sascha Altenhoff niemals vergessen: Eine zornige und zu allem entschlossene Menschenmenge hat Kurs auf sein Stadtviertel genommen, um mit Leuten wie ihm abzurechnen, mit Ausländern. Sascha blickt durchs Fenster seines Büros auf Kabul.
Er sieht die schwarzen Rauchwolken immer näher heranrücken. Zum ersten Mal in seinem Leben spürt er Todesangst.
Was hat ein 29-jähriger Geschichtsstudent aus Braunschweig dort verloren? In Afghanistan, aus dem fast nur Horrormeldungen nach Europa herüberschwappen, von toten Soldaten und Autobomben. So unglaublich es klingen mag: Sascha absolviert ein Praktikum.
Inzwischen ist er wieder in Deutschland. Er sagt: "Die Zeit in Kabul hat meinen Horizont enorm erweitert. Mir ist bewusst geworden, wie fest bestimmte Denkmuster bei mir sitzen." Die Art etwa, Aufgaben anzugehen: "Wir denken extrem planerisch die Afghanen nach 30 Jahren Krieg nicht mehr."
Daran etwas zu ändern war Teil des Jobs, für den Sascha im März nach Kabul gekommen war. Er blieb bis Ende Juli.
Sirenengeheul in der Stadt, Steine fliegen
Rückblende: Eine Maschine der "Ariana Afghan Air" landet mit Sascha an Bord in der afghanischen Hauptstadt.
Die Mission des jungen Deutschen ist ehrgeizig. Er soll eine Firma für Internet-Dienstleistungen aufbauen. Büroräume mieten, Mitarbeiter anheuern und "Branding" betreiben, wie es die Marketingstrategen nennen: die Marke bekannt machen und dem Unternehmen ein positives Image verschaffen.
Sein Chef ist der Duisburger Unternehmer Torsten Schlabach. "Große Firmen wie Microsoft interessieren sich nicht für Afghanistan", sagt Sascha, also müssen Pioniere wie Schlabach den Menschen dort die Segnungen des weltweiten Datennetzes bringen. Zunächst hat er dieses Geschäft virtuell von Deutschland aus betrieben, nun will er vor Ort Fuß fassen. Und dabei hilft ihm sein Mann in Kabul, Sascha Altenhoff.
Sascha spricht weder Dari, noch die Hochsprache Pashtu, aber er ist Mitglied der weltweit größten Studentenorganisation "AIESEC", die ihm diesen Job beschafft hat. "AIESEC" hat Mitarbeiter an der Uni Kabul, die Sascha empfangen und als Dolmetscher einspringen. Sascha stellt fünf Informatik- und Wirtschaftsstudenten an, baut eine Firmenstruktur auf, entwickelt Projektziele. Es läuft gut.
Bis zu jenem Tag, als er richtig Angst bekommt. Seit Monaten verschlechtert sich die Sicherheitslage. Nato-Soldaten liefern sich im Süden Gefechte mit den wieder erstarkten Taliban-Milizen, Bomben explodieren in den Städten, auch in der Hauptstadt Kabul.
Am Morgen des 29. Mai walzt ein schweres Fahrzeug der US-Armee versehentlich ein Taxi platt, zwei Menschen sterben. So etwas passiert: "Die Amerikaner fahren in Kabul wie die Verrückten, weil sie Angst vor Anschlägen haben."
Sirenengeheul erfüllt die Stadt. Eine wütende Menschenmenge umringt den Ort des Geschehens, Steine fliegen, Schüsse fallen, weitere 30 Menschen sterben. "Den ganzen Tag über baute sich eine Spannung auf", erinnert sich Sascha.
Gegen Abend hat sich ein Mob formiert, der nun brandschatzend und um sich schießend durch Kabuls Straßen marodiert. Es sind ehrlich Empörte, Frustrierte darunter und Leute, die einfach nur plündern wollen.
Die Rauchwolken, die die Menge begleiten, zeigen die Richtung an, in die es geht: das Ausländerviertel, wo auch Saschas Firma ihren Sitz hat. Panik. Nebenan werden hektisch Schilder abgeschraubt, die Gebäude als Sitz internationaler Organisationen entlarven.
Ein Mitarbeiter ruft Sascha an: Gerade sei vor seinen Augen einer erschossen worden, er gehe nun doch lieber erstmal nach Hause statt zur Arbeit. Gegenüber ist eine Polizeistation, aber von dort ist keine Hilfe zu erwarten. Die Polizisten streifen ihre Uniformen ab und machen sich in Zivil aus dem Staub.
Die Frauen aus dem chinesischen Bordell nebenan werden im Klo versteckt, Sascha verkriecht sich in einem anderen Raum und wartet. Die Meute verschont seine Firma, aber das Bordell brennt bis auf die Grundmauern nieder.
Im Kleinbus über minengesäumte Pisten
Sascha muss sich in Landestracht verkleiden und verbringt sicherheitshalber die nächsten Tage bei der Familie eines Mitarbeiters. Drei Räume für sechs Leute, selbstlose Gastfreundschaft: "Ich habe ein ganzes Zimmer für mich bekommen, der Hausherr hat die ganze Nacht Wache geschoben und kein Auge zugemacht, obwohl er am nächsten Tag arbeiten musste." Auch das ist Afghanistan.
Langsam beruhigt sich die Lage wieder für wie lange? Sascha reist im Kleinbus über minengesäumte Pisten durchs Land, er sieht Orte von erhabener Schönheit, aber auch hoffnungslose Staubwüsten voller Minen und Panzerwracks: "Die meisten Afghanen, die ich kennen gelernt habe, sind bei allem Elend optimistisch. Sie befürworten die Anwesenheit der internationalen Truppen, schmieden Pläne für einen künftigen Touristenboom", sagt Sascha.
Afghanistan ist ein Land zwischen Hoffnung und der drückenden Last der Vergangenheit.
Auch wenn ihn vor und nach dem Praktikum viele für verrückt erklärt haben: Es sind Monate in Saschas Leben, die er keinesfalls missen möchte. "Ich würde sogar wieder nach Afghanistan fliegen", sagt er. Seine Familie aber ist von dieser Idee nicht besonders angetan.











