Physik ein Fach im Existenz-Kampf
"Grundlage für Natur- und Ingenieurwissenschaften" Aber: Zu wenig Kooperation, zu wenig Drittmittel
Ein Unglück kommt selten allein. Im Keller des Braunschweiger Physik-Zentrums in der Mendelssohnstraße steht derzeit das Wasser. Für Professoren, Studenten und Mitarbeiter der TU Braunschweig drängt sich das Bild förmlich auf: Der Braunschweiger Physik steht das Wasser bald bis zum Hals.
Spätestens seit dem Beschluss des TU-Präsidiums vor zwei Wochen hat der Existenzkampf der Braunschweiger Physik begonnen.
In einer hochschulöffentlichen Erklärung, die unserer Zeitung vorab vorliegt, erläutert Präsident Jürgen Hesselbach ein für Niedersachsen bislang einmaliges Manöver: "Mittel- bis langfristig soll ein Abgleich zwischen den Bereichen Bauingenieurwesen und Physik der TU Braunschweig und der Universität Hannover stattfinden mit dem Ziel, das Bauingenieurwesen in Braunschweig und die Physik in Hannover zu stärken."
Das eigentliche Problem: zu wenig Studenten!
Die Physik in Hannover stärken damit ist bereits viel gesagt. "Kann es sich eine Technische Universität leisten, ein Grundlagenfach wie Physik abzugeben?", fragt der Braunschweiger Physik-Dekan Prof. Andreas Hangleiter. Und bitter fügt er hinzu: "Ja, doch nur um den Preis, auf Fachhochschul-Niveau abzusinken."
Schon regt sich Widerstand in der Stadt der Wissenschaft 2007. Wenig Eindruck macht es da, dass Braunschweig andersherum betrachtet einen Riesen-Coup landen könnte. Mit den Bau-Ingenieuren aus Hannover würde man bundesweit endgültig zur Nr. 1. Schon jetzt schaffen das die Braunschweiger Bauingenieure in vielen Rankings auch alleine.
Doch das eigentliche Problem ist die Auslastung mit Studenten. Erschütternde Auslastungs-Quoten sind die wahre Ursache des Vorstoßes, den die Präsidenten der Unis in Braunschweig, Clausthal und Hannover gemeinsam mit dem niedersächsischen Hochschul-Staatssekretär Josef Lange ausbaldowerten. Am 16. März wollen sich die Herren wieder im Ministerium treffen.
Längst steht der Rechnungshof den Politikern und Uni-Präsidenten auf den Füßen. Das Bauingenieurwesen in Hannover ist nur mit 47 Prozent ausgelastet. Im Klartext heißt das: Der Steuerzahler bezahlt dort eigentlich für die doppelte Anzahl von Studenten. In Braunschweig sieht es bei den Bauingenieuren nicht besser aus: 49 Prozent Auslastung. Zusammen wird ein Schuh draus.
Ähnliche Zahlen gibt es auch für die Braunschweiger Physik sie ist nur zu 48 Prozent ausgelastet. Nicht mehr als 200 Studenten insgesamt sind derzeit dort eingeschrieben annähernd so viele Beschäftigte hat das Physik-Zentrum.
Dekan Hangleiter relativiert solche Zahlen. Man habe sie sich eingefangen, weil man schnell auf den wenig geliebten Bachelor-Abschluss gesetzt habe. Das sei ja eigentlich im Sinne der Politik gewesen. Dann jedoch flüchteten die Studenten förmlich, zum Beispiel nach Göttingen. Dort winkt noch das vertraute Diplom.
Andreas Hangleiter weiß besonders gut um eine weitere Ursache des Studenten-Schwundes für die Physik. "Es gelingt immer noch zu wenig, die Schüler dafür zu begeistern." Gerade startet der Dekan, zugleich Sprecher der ganzen TU für Öffentlichkeitsarbeit, wieder diesbezügliche Aktivitäten. Da droht das Präsidium ihnen den Boden unter den Füßen wegzuziehen.
Wenigstens sehen sie das so. Beide Seite haben gute Argumente. Die TU-Physik erhält Schützenhilfe ausgerechnet von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig.
PTB-Präsident Prof. Ernst O. Göbel erklärte gestern auf unsere Anfrage: "Eine Technische Universität Braunschweig ohne Physik kann ich mir schwer vorstellen. Als PTB würden wir es natürlich außerordentlich bedauern, keinen universitären Ansprech- und Kooperationspartner in physikalischen Angelegenheiten mehr vor Ort zu haben."
Zwar reichen die Kooperationen der PTB weit über Braunschweig hinaus, zum Beispiel auch sehr intensiv mit der Uni Hannover. Gerade schickt man sich an, gemeinsam mit der Landeshauptstadt in der Exzellenz-Initiative des Bundes zu punkten.
Doch Göbel erklärt auch: "Gerade die lokalen Beziehungen vor Ort in Braunschweig sind für das wissenschaftliche Arbeiten besonders attraktiv und hilfreich."
Allerdings bläst der Braunschweiger Physik der Wind auch stark ins Gesicht. Zum einen wird ihnen vorgeworfen, nicht stark genug mit anderen zu kooperieren.
Der Physik hält man jetzt ausgerechnet die Sozialwissenschaften als leuchtendes Beispiel vor. Um die nämlich muss sich in Braunschweig heute keiner mehr Sorgen machen. Rechtzeitig wurden neue, aktuelle Studiengänge entwickelt maßgeschneidert für die Belange einer Technischen Universität.
"Wir müssen ganz schnell aus der Diskussion raus"
Mehr noch: Auch ein spektakuläres Drittmittel-Gefälle schwächt die Position der Braunschweiger Physik. Die eingeworbenen Drittmittel gelten bundesweit als Maßstab für Klasse einfach deswegen, weil sie von nachgewiesener Exzellenz und Kooperationen künden.
Ein einziges Institut in der Braunschweiger Physik heimst 50 Prozent aller Drittmittel ein das Institut für Geophysik und extraterrestrische Physik mit seinen Weltraum-Beiträgen. Dann kommt kaum Mittelfeld und ganz viel Schluss.
"Natürlich sehen wir die Bereiche, in denen wir Defizite haben", sagt Hangleiter. Hinter verschlossenen Türen bedeutet man den Kollegen, welchen enormen Stellenwert Drittmittel heute haben. Hoffentlich nicht zu spät.
Wie geht es jetzt weiter? Es gibt aktuelle Signale, dass Braunschweig die Physik nicht vollständig verlieren wird. Sie wird jedoch kleiner werden und anders. Es zeichnet sich ein Schwerpunkt in der Luft- und Raumfahrt und gemeinsam mit der PTB ab.
Doch die Frage des Abschlusses steht im Raum letztlich die entscheidende Frage. Ein Master der Physik, der bereits fertig entwickelt war, wird jetzt noch einmal überarbeitet.
Von dem neuen Anlauf hängt alles ab. Unter dem Druck der Entwicklung werden viele Gespräche geführt. "Wir müssen jetzt ganz schnell aus der Diskussion raus sonst kommen gar keine Studenten mehr zu uns", weiß Hangleiter. Und das wäre es dann ohnehin gewesen.











