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06. September 2010
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Ein Schatz: Wissen, wie die Welt tickt

Gespräch mit der Historikerin Ute Daniel über die Bedeutung der Geisteswissenschaften


Der Braunschweiger Kongress (Programm siehe unten) bietet die Gelegenheit, das Selbstverständnis der Geisteswissenschaften zu beleuchten. Mit einer der Organisatorinnen, Prof. Ute Daniel vom Historischen Seminar der TU Braunschweig, sprachen Sibylle Böge und Henning Noske.

Was ist die wichtigste Funktion des bevorstehenden Kongresses?

Es geht darum, in der Wirtschaft einmal Flagge zu zeigen – in Bezug auf die Chancen, Risiken und Nebenwirkungen dessen, was Geisteswissenschaften alles zu bieten haben.

Zum Beispiel?

Geisteswissenschaft kann einerseits tatsächlich Hilfswissenschaft sein, kann wirklich Dienstleistung bedeuten. Die Tagung stellt einmal in den Vordergrund, welche Leistungen Geisteswissenschaften jetzt schon für die Wirtschaft erbringen.

Unternehmen, die zum Beispiel im Ausland Projekte vorantreiben, die müssen schon wissen: Wie reagiert dort die Bevölkerung? Was haben sie für eine Geschichte, was für Probleme? Was sind die kulturellen Eigenheiten?

Dieses Beispiel hört man oft. Welche Funktionen haben Geisteswissenschaften nach innen im Unternehmen selbst?

Da gilt dasselbe. Ständig geht es um Kommunikationsprozesse. Ohne optimierte Kommunikation kann man keinen Betrieb erfolgreich führen. Geisteswissenschaftler sind Kommunikations-Spezialisten.

Zudem brauchen Unternehmen heute Identität, Gemeingeist, Selbstvergewisserung. Das funktioniert nur, wenn man über die Geschichte des eigenen Unternehmens spricht – über den lokalen, regionalen, kulturellen Kontext. All das liefern Geisteswissenschaften.

Ein Rahmen, ohne den man gar nicht wirtschaften könnte?

Man kann vieles, aber ich glaube nicht, dass es ohne diesen Rahmen möglich ist, nachhaltig zu wirtschaften. Ich halte das für ausgeschlossen. Das wissen die meisten Unternehmen inzwischen.

Gilt das auch für die Generation Praktikum?

Ich halte das in der Tat für einen Irrweg. Zum Glück kann man das nicht verallgemeinern, auch die Wirtschaft zerfällt in sehr unterschiedliche Sphären. Wer glaubt, mit Super-Ausbeutung schnell und auch noch dauerhaft Erfolg haben, der ist falsch beraten.

Wir schreiben das Jahr der Geisteswissenschaften. Welches sind die großen Themen?

Wir sind ja nicht nur Zulieferer, nicht nur Hilfswissenschaft. Unsere Stärke: Wir verwalten das Erfahrungswissen der Gesellschaft. Und zwar in allen Bereichen. Die Philosophie, Religion, Geschichte – ein einziger Pool von Erfahrungswissen. Wenn wir den nicht mehr pflegen und ausbauen, schneiden wir uns von Jahrtausenden Erfahrungswissen ab.

Tun wir das nicht gerade? Wozu brauche ich das in der Globalisierung denn alles noch?

Je mehr sich Globalisierungs-Tendenzen breitmachen, um so stärker werden auch die regionalen und lokalen wieder. Das sind doch ganz spannende Wechselwirkungen, es gibt das eine nicht ohne das andere.

Ist das eines der großen Themen in diesem Jahr – immerhin findet der G-8-Gipfel in Deutschland statt?

Das ist schon lange ein Thema. Wir forschen ja nicht kalenderabhängig. Die Kultur- und Mentalitätsgeschichte der Moderne ist schon lange ein zentrales Thema. Hier in Braunschweig haben wir es auch in unserem neuen Studiengang Kultur der technisch-wissenschaftlichen Welt umgesetzt.

Geisteswissenschaften für Naturwissenschaftler und Ingenieure – und umgekehrt. Ein schönes Bildungsideal.

Das ist in der Tat eine starke Hoffnung bei diesem Studiengang. Denn es gibt völlig unnötige Berührungsängste auf beiden Seiten – vielleicht sogar stärker noch bei den Geisteswissenschaftlern. Diese Berührungsängste müssen abgebaut werden.

Sind Geisteswissenschaftler Bedenkenträger? Fehlt Ihnen Pionier-Geist?

Wir produzieren keine Ratgeber-Literatur. Das wäre auch nicht der Zweck der wissenschaftlichen Ausbildung. Wir versetzen eben in die Lage, jene Faktoren ernstzunehmen, die zu berücksichtigen sind. Um eine reine Ja-Nein-Schiene geht es dabei nicht.

Wir erweitern die Möglichkeiten dessen, was wichtig ist. Das kann auch frustrierend sein, ist meistens aber bereichernd. Wir machen Dinge systematisch komplizierter – und das ist unsere Stärke.

Das trägt Ihnen den Vorwurf ein, den Fortschritt zu stören.

Richtig. Nehmen wir ein konkretes Beispiel, an dem man das zeigen kann. Im Bereich Technik und Naturwissenschaften sind viele jetzt begeistert über die Chance einer Renaissance der Atomenergie, die sich politisch zu öffnen scheint.

Das mag aus ihrer Sicht legitim sein. Als Historikerin argumentiere ich: Ich weiß, wie viele Vorstellungen einer sicheren und problemlösenden Technik bereits schief gegangen sind. Ich kann die Fälle nennen. Ich kann zeigen, wie wenig absehbar späte und unerwartete Folgen sein können.

Das werfe ich in den Topf, aus dem sich alle bedienen, die entscheiden müssen.

Donnerstag, 19.04.2007
Quelle: http://www.newsclick.de/index.jsp/artid/6650664/menuid/291585

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