Ruhige Segeltouren für trauernde Menschen
Skipper Piet Morgenbrodt aus Hamburg: Der nicht mehr ganz so traurige Mann und das Meer – Verlust besser verarbeitet
HAMBURG. Seine Frau hatte Bratäpfel gemacht, den Tisch fertig gedeckt und außer dem jüngeren Sohn waren an dem Abend vor zehn Jahren alle schon zu Hause. Da klingelte es unerwartet an der Tür.
Zwei Polizisten hielten den Eltern ein Foto sowie den Rucksack von Kilian
entgegen. Der Sohn war tödlich verunglückt.
Wenn Piet Morgenbrodt von damals
erzählt, klingen die Sätze wie abgespult. Jederzeit und genau so abrufbar. Er
hat über die Jahre gelernt, seine Gefühle in Worte zu fassen.
Funktioniert
hat der 53jährige damals bis zum Tag der Beerdigung. An die voll besetzte Kirche
und die große Anteilnahme erinnert er sich noch gut. Vor allem aber auch an das
tiefe Loch, das dann kam. Der Tod des Sohnes hat sein Leben umgekehrt. „Die
natürliche Reihenfolge, dass die Eltern vor den Kindern sterben, war auf den
Kopf gestellt.“
Der gebürtige Hamburger zog sich zurück, versank in seinem
Schmerz. Es war unerträglich, das Unfassbare auszusprechen, die Wunde ist bis
heute nicht verheilt. Mehr als belastend war häufig auch das Verhalten vieler
Mitmenschen, ihre Unvorsicht, das bohrende Nachfragen. In der Zeit wendeten sich
auch Freunde ab.
Irgendwann kam der Hinweis auf einen Verein für verwaiste
Eltern, ein Rettungsanker für die folgenden vier Jahre. „Man spricht von
Selbsthilfegruppen für Trauernde. Das aber ist eher schmeichelhaft formuliert.
Denn ich habe mir anfangs überhaupt nicht selbst helfen können. Dazu hatte ich
gar keine Kraft.“ Die Treffen waren für den gelernten Grafiker wie Pfähle im
Nebel, an denen er sich entlang orientieren konnte. Ganz langsam ging es ihm
besser, hin und wieder Mal. „Die Mauern um mich herum standen irgendwann nicht
mehr ganz so dicht.“
Während dieser Zeit und in der Gruppe bekam er die Idee,
für ebenfalls Trauernde Segelboottouren anzubieten. Zum Urlaubmachen, Ausruhen,
Miteinandersprechen. „Dieses Vom-Land-Wegkommen, das Gefühl beim Hochziehen der
Segel. Wenn dann der Motor ausgeht und das Boot so leicht schief liegt, ist man
den Elementen so nah. Dann ist irgendwie Frieden in mir“, erzählt Morgenbrodt
und für kurze Zeit entspannt sich sein Gesicht. „Das, dachte ich, sei auch gut
für andere Betroffene.“
Den ersten Segelschein hat der Hamburger schon seit
Studienzeiten und seitdem viel Erfahrung auf dem Boot gesammelt. Jetzt begann
er, sich zu kümmern. Zu bewegen, zu planen, zu organisieren. 2003 fuhr die erste
Gruppe los, für eine Woche, erfolgreich.
Die Zeiten auf dem Schiff helfen
immer auch ihm selbst, den Verlust zu bearbeiten. „An den Fragen der Anderen
kann ich mich messen. Auf diese Weise sehe ich dann manchmal meine eigene
Entwicklung.“ Dennoch: Die Themen auf dem offenen Meer seien viele, es ginge um
Urlaub und keineswegs immer nur um den erlittenen Verlust. „In erster Linie sind
die Fahrten für mich eine Herzensangelegenheit, keine kommerzielle Sache“, sagt
er und lächelt, fast schüchtern. Sehr verletzlich wirkt der 53jährige in diesem
Moment.
Der Verlust hat auch im Gesicht seine Spuren hinterlassen. Zahlreiche
und tiefe Falten haben sich wie ein Netz unter die zuweilen feucht werdenden
Augen und auf die Stirn gelegt. Meist erzählt Piet Morgenbrodt ruhig und
gefasst, dabei kratzt er sich häufiger am Kopf. Nur manchmal, da wirkt er ein
bisschen abwesend und reagiert verzögert. Als ob in diesen Momenten die gehörten
Sätze nur abgebremst zu ihm vordringen.
Als Grafiker arbeitet er seit dem Tod
seines Sohnes nur noch selten. Das gehört zu sehr in die Zeit, in der der Sohn
noch da war. Jetzt ist er Künstler, verdingt sich als Autor, fertigt
Skulpturen.
Mit Leidenschaft, auch wenn es nicht sehr viel Geld
bringt.
Der zweite Sohn wohnt noch bei den Eltern und die Sorgen um ihn sind
immer da. Auch wenn der Vater versucht, diese vor ihm zu verbergen. „Ich bekomme
schon Angst, wenn er mal länger unterwegs ist und sich nicht meldet“.
Oft
denkt sich Piet Morgenbrodt, wie schön es wäre, Hamburg zu verlassen und
auszuwandern. In ein anderes Land, am liebsten nach Schweden. Um dort dann
Schafe zu züchten, Brot zu backen, etwas mit den Händen tun. So wie auf dem
Wasser, während seiner Segeltouren. „Das kann ich mir gut vorstellen.“ Seine
Frau hat davon bis vor kurzem nichts gewusst. Auch, weil er ein bisschen Angst
davor hatte, ihr von seinen Plänen zu erzählen. Reagiert hat sie überraschend
gefasst.













