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13. Februar 2012
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"Keinen falschen Respekt vor dem Islam!"

Der Satiriker Martin Sonneborn über die Mohammed-Karikaturen, den Rechtsstreit um seine Parteien-Parodie und Horst Schlämmer


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Der 44-jährige Autor und Publizist zählt zu den profiliertesten und streitbarsten deutschen Satirikern. Vor dem Bundesverfassungsgericht klagt der frühere Chefredakteur des Satire-Magazins „Titanic“ derzeit als Vorsitzender der Parteien-Parodie „Die Partei“ gegen die Nichtzulassung zur Bundestagswahl 2009. Vor einer Lesung in Wolfsburg stellte Sonneborn sich den Fragen von ehrenamtlichen Politikern aus der Region.

Marco Meiners: Sie haben mit "Die Partei" eine eigene Partei gegründet. Wie Sie sagen, sind Sie aber auch Mitglied in verschiedenen anderen Parteien. Sind Doppelmitgliedschaften überhaupt zulässig?

Nein. Ich kann da Aussagen treffen für alle Parteien, in denen ich Mitglied bin, und das sind fast alle großen Parteien. Die Grünen haben mich rausgeschmissen, weil ich keine Mitgliedsbeiträge gezahlt habe.

Carola Jacobs-Schütte: Wie lange hat das gedauert?

Drei Monate. Ich war positiv überrascht. Die NPD hat mich nicht aufgenommen, weil wir uns oft Späße auf Kosten von Rechtsradikalen und DVU-Abgeordneten geleistet haben. Aber sonst bin ich Mitglied in allen großen Parteien. In denen sind Doppelmitgliedschaften ausgeschlossen. Darum haben wir sie in den Statuten von Die Partei ausdrücklich zugelassen. Wir haben viele Grüne und SPD-Leute, auch FDP-Mitglieder.

Meiners: Sie treten als Partei-Vorsitzender sehr plakativ auf. Steckt da nicht Guerilla-Marketing dahinter, um die "Titanic"-Auflage zu erhöhen? Warum rangiert die trotzdem noch hinter der des "Eulenspiegel"?

Erstens ist es nicht so gedacht, aber es funktioniert natürlich. Zweitens: Ich kenne den Eulenspiegel, weil ich dort 1990 ein Praktikum absolviert habe. Ich war der erste Westdeutsche, den die kennenlernten. Die waren die ersten Ostdeutschen, die ich kennenlernte. Weder die noch ich wussten, was ein Praktikum ist. Ich kenne das Blatt also ganz gut und kann sagen, dass 130 000 verkaufte Exemplare eine vollkommen erlogene Zahl sind.

Ich dachte, Sie schicken jetzt den "Focus" ins Rennen, der eigentlich unsere größte Konkurrenz ist. Aber der hat ja auch eine seit Jahren sinkende Auflage.

Ich habe Die Partei gegründet, weil ich neue satirische Formen ausprobieren wollte. Wir hatten das bei "Titanic" früher schon überlegt, aber in Zeiten des fortgeschrittenen Internets ist es nun einfacher, Unterstützer-Unterschriften einzuholen, indem man ein Dokument ins Netz stellt und die Leute bittet, es auszudrucken, zu unterschreiben und zurückzusenden. Die Hürden sind nicht mehr so hoch.

Meiners: Die Partei fordert in ihrem Programm quasi die Wiedererrichtung der Mauer. Ist das nicht eine sehr kontraproduktive Provokation?

Nicht quasi, wir fordern das direkt. Wir haben ein 14-seitiges Wahlprogramm, das von den Grünen abgeschrieben ist und ein bisschen modernisiert wurde.

Jacobs-Schütte: Soso.

Die Grünen werden ihres auch abgeschrieben haben. Wir haben das modernisiert und etwas humanisiert. Wir sind eine Partei, die keine Kriege führen wird. Ich war schon irritiert damals, dass ausgerechnet Rot-Grün Deutschland die ersten Auslandseinsätze beschert hat… Aber worauf wollte ich eigentlich hinaus?

Meiners: Ich habe gefragt, ob Sie die Gräben zwischen Ost und West nicht noch verschärfen.

Richtig. Wir haben ein humanistisches, idealistisches Wahlprogramm. Auf Seite 14 folgt ein Satz: Wir sind dafür, die fünf neuen Bundesländer zu einem starken Ostbundesland zusammenzulegen, das auch baulich vom Rest der Republik abgetrennt wird.

Wir haben festgestellt, dass man mit dem Thema unglaubliche Emotionen wecken kann. Es wurde ja jahrelang tabuisiert. Es gibt viele Leute, die sehen das als Satire. Das würde ich als Bundesvorsitzender einer kleinen obskuren Partei natürlich zurückweisen. Dennoch sagen viele Leute, das sei Satire und damit eine überspitzte Forderung, die auf die Abstellung eines Mangels zielt. Darauf, dass wir eben noch nicht zusammengewachsen sind, obwohl das offiziell immer behauptet wird.

Sandra Bruder: 2010 steht die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen an. Treten Sie an? Wie ist der aktuelle Stand bei den Unterstützer-Unterschriften?

Der ist recht gut. Wir nutzen natürlich auch "Titanic"-Lesungen zum Sammeln. In Minden etwa haben wir vor 100 Zuschauern gelesen, davon haben exakt 50 ohne große Werbung unterschrieben. Das ist eine schöne Quote.

Wir sammeln ernsthaft, und das ist auch eine Sache, die ich im Sommer leider nicht vermitteln konnte, als wir vom durchgeknallten Bundeswahlleiter mit juristisch unzulänglichen Argumenten nicht zur Bundestagswahl zugelassen wurden.

Dieser Mann und die etablierten Politiker wissen nicht, wie schwierig es ist, 2000 Unterschriften zusamenzubekommen, auf einem sehr unangenehm wirkenden amtlichen Formular. Eine Partei, die das schafft, nicht zuzulassen, ist eine Frechheit.

Es gibt leider noch keinen Rechtsschutz gegen dieses Votum. Verfassungsrechtler sehen das als Problem an. Der ehemalige Bundesverfassungsrichter Hans Hugo Klein hat uns gleich signalisiert, wir sind vollkommen im Recht mit unserer Beschwerde gegen die Nichtzulassung. Wir konnten unser Recht aber nicht mehr vor der Bundestagswahl durchsetzen. Aber wir treten wieder an, und auch Nordrhein-Westfalen wird uns auf dem Wahlzettel sehen.

Jacobs-Schütte: Wie gehen sie mit dem Islam um? Ich denke an den Wirbel um die Mohammed-Karikaturen. Ist das für Sie ein Thema?

Na sicher. Ich fand das unglaublich, dass diese Karikaturen gedruckt wurden –  weil sie schlecht waren, weder gut gezeichnet noch witzig.

Mit der "Titanic" sind wir auch beim Thema Islam offensiv. Wenn wir uns mit Christen anlegen, müssen wir uns auch mit Moslems anlegen dürfen. Ich weiß, dass wir 2001 nach den – wie mein Kollege Oliver Schmitt es bezeichnet – überzogenen Anschlägen der Araber in New York Bilder von Mohammed gezeigt haben. Wir hatten Fotos aus den 60er Jahren, die aus einem Labor nicht abgeholt worden sind. Über die Seite haben wir geschrieben: "Nimm dies, Araber! Erstmals im Bild: Prophet Mohammed." Für die nichtkundigen Leser haben wir unten klein auf das Bilderverbot im Islam hingewiesen. Unter den Fotos des etwa 60-jährigen Mannes stand dann: "Mohammed bringt seiner Frau Blumen mit." "Mohammed mit einem Glas Schweinebraten."

Wir haben keinen falschen Respekt.

Jacobs-Schütte: Gab es Reaktionen?

Darauf nicht. Aber als wir uns später über die Taliban lustig machten, haben wir Drohanrufe bekommen.

Es wurde auch mal eine Fatwa gegen uns verhängt, ich weiß gar nicht mehr weswegen. Es stellte sich aber heraus, dass es lediglich eine kleine islamistische Zeitschrift auf den Philippinen war. Die dürfen gar keine Fatwas verhängen.

Ein "Titanic"-Thema habe ich als stillos empfunden: Wie Sie sich über die Suche nach dem vermissten britischen Mädchen Maddy lustig gemacht haben. War das ein Fehler?

Nein. Wie bei den Anschlägen auf das World Trade Center ist es ja nicht so, dass man sich sofort hinsetzt und versucht, satirisch darauf zu reagieren. Aber wenn nach zwei, drei Tagen Medien und Politiker beginnen, routinemäßig ihre Reaktionen abzuspulen, dann fordert das zu Reaktionen heraus.

Es verschwinden täglich Kinder und es gibt viele schlimme Fälle. Aber dass britische Boulevard-Medien es schaffen, das Bild von Maddy ein halbes Jahr auf den Titelseiten zu halten, aus ökonomischen Gründen, und dann diese Tour, die die Eltern gemacht haben, Papst und so weiter – auf so einen absolut überzogenen Zirkus zu reagieren, ist Aufgabe eines Satire-Magazins.

Der PR-Mann der Eltern von Maddy hatte vorher den Irak-Krieg für Tony Blair an die Medien verkauft. Als der "Titanic"-Artikel erschien, nutzte er seine Beziehungen zu den Boulevard-Blättern, die das dann aufbauschten und skandalisierten. Ich sehe uns da eher als Opfer. Aber ich habe das als Einziger auch offen als Win-win-Situation erklärt.

Maddys Eltern, die wegen des Umgangs mit Spenden in die Kritik geraten waren, standen plötzlich wieder als Opfer da, als Opfer eines noch dazu deutschen Satiremagazins. Die Blätter hatten wieder etwas für ihre Titelseiten, und wir bekamen Mails mit wüsten Beschimpfungen, die wir dann auf einer Doppelseite veröffentlichen konnten.

Frank Roth: Ihre Partei hat es ja schwerer als die etablierten Parteien, Themen an die Öffentlichkeit zu bringen. Kann das, was wir im Sommer mit Horst Schlämmer und seinem etwas anderen Niveau erlebt haben, Vorbild sein für Sie?

Auf keinen Fall. Wir sind keine Spaßpartei wie Horst Schlämmer und die FDP. Wir sind nur populistisch, geben das aber offen zu und sind damit die einzig ehrliche Partei, denn natürlich agiert jede Partei Klientel-orientiert und populistisch.

Ich schätze Kerkeling sehr, aber mehr für seine frühen Sachen. Wenn er einen Mann wie Jürgen Rüttgers in seinen Film ziehen und zeigen würde, was das für ein Mensch ist, wenn es eine satirische Spitze hätte, fände ich das gut.

Wenn es nur darum geht, zusammen ein bisschen Spaß zu machen, finde ich das eher verwerflich.

Dienstag, 05.01.2010
Quelle: http://www.newsclick.de/index.jsp/artid/11506352/menuid/472005

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